Enterostoma: Definition, Ursachen und Versorgung
Veröffentlicht am 18.07.2025

Ein Enterostoma ist ein künstlich angelegter Darmausgang, der durch die Bauchdecke nach außen verläuft. Quelle: Canva.de
Ein Enterostoma stellt für viele Betroffene zunächst einen tiefgreifenden Einschnitt in das gewohnte Leben dar. Der Gedanke an einen künstlichen Darmausgang löst oft Unsicherheit, Scham oder Angst aus – sei es im Hinblick auf Körperbild, Hygiene, Mobilität oder soziale Teilhabe. Doch mit einer professionellen Stomaberatung, guter Aufklärung und der richtigen Pflege lässt sich ein hohes Maß an Lebensqualität wiedererlangen.
Was bedeutet es für Betroffene, mit einem künstlichen Darmausgang zu leben? Welche medizinischen Gründe machen ein Enterostoma notwendig? Und wie sieht eine fachgerechte, individuell angepasste Versorgung aus, die Lebensqualität und Sicherheit gewährleistet?
Definition Enterostoma - Was ist ein Enterostoma?
Ein Enterostoma ist ein künstlich angelegter Darmausgang, der durch die Bauchdecke nach außen verläuft. Dabei wird ein Teil des Darms (entero = Darm) mit der Hautoberfläche verbunden. Es dient dem Austritt von Stuhl, wenn der natürliche Darmausgang (After) nicht mehr funktionstüchtig oder nicht mehr vorhanden ist.

Klassifikation - Enterostoma-Arten
Ein Enterostoma kann nach verschiedenen Kriterien klassifiziert werden.

Anna Liebig
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Nach der chirurgischen Anlageform:
Also nach der Art und Weise, wie ein künstlicher Zugang, ein Implantat oder eine medizinische Struktur operativ angelegt wird, unterscheidet man:
Das doppelläufige Stoma (auch Loop-Stoma genannt) wird angelegt, indem sowohl die vordere Wand der zuführenden (oralen) als auch der abführenden (aboralen) Darmschlinge durch eine gemeinsame Öffnung in der Bauchdecke ausgeleitet werden. Diese Form des Enterostomas ermöglicht oft eine spätere Wiederherstellung der Darmkontinuität.
Beim endständigen Stoma hingegen wird der Darm vollständig durchtrennt. Nur das Ende der zuführenden Darmschlinge wird als Stoma nach außen geleitet, während die aborale Schlinge blind verschlossen wird. Diese Form des Enterostomas wird häufig bei dauerhaften Stomaanlagen verwendet.
Nach dem zeitlichen Vorhandensein unterscheidet man:
Ein passageres Stoma ist eine temporäre Anlage, die zu einem späteren Zeitpunkt rückverlegt werden soll. Es dient oft der vorübergehenden Entlastung des Darms, etwa nach operativen Eingriffen.
Ein permanentes Stoma hingegen ist eine dauerhafte Lösung, bei der keine Rückverlagerung vorgesehen ist. Es wird meist dann notwendig, wenn eine Wiederherstellung der natürlichen Darmpassage nicht mehr möglich oder nicht sinnvoll ist.
Nach dem ausgeleiteten Darmabschnitt unterscheidet man:
Ein Ileostoma entsteht, wenn der Dünndarm durch die Bauchdecke nach außen geleitet wird. Es wird typischerweise im rechten Unterbauch platziert.
Ein Kolostoma hingegen bezeichnet die Ausleitung des Dickdarms durch die Bauchdecke und liegt in der Regel im linken Unterbauch.
- Zökostoma: Ausleitung erfolgt aus dem Zökum (erster Abschnitt des Dickdarms)
- Transversostoma: Ausleitung erfolgt aus dem Colon transversum (querverlaufender Abschnitt des Dickdarms)
- Sigmoidostoma: Ausleitung erfolgt aus dem Colon sigmoideum (letzter Abschnitt des Dickdarms)
Gründe für ein Enterostoma
Die Gründe für die Anlage eines Stomas sind vielfältig und abhängig von der Grunderkrankung sowie dem allgemeinen Gesundheitszustand der Patientin bzw. des Patienten. Im Folgenden werden die häufigsten Indikationen genannt:
- Kolon- und Rektumkarzinome: Bei Tumorerkrankungen des Dick- oder Enddarms kann ein Stoma notwendig sein, etwa wenn der natürliche Darmausgang entfernt werden muss oder zur Entlastung nach einer Operation.
- Stuhlinkontinenz: Bei schwerer, nicht behandelbarer Inkontinenz kann ein Stoma zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Vermeidung von Komplikationen dienen.
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa können eine temporäre oder dauerhafte Stomaanlage erforderlich machen, insbesondere bei schweren oder therapieresistenten Verläufen.
- Perforierte Divertikulitis: Wenn es durch entzündete Darmdivertikel zu einer Durchbruchstelle (Perforation) kommt, kann ein Stoma notwendig sein, um eine weitere Ausbreitung von Infektionen zu verhindern und den Darm zu entlasten.
Welche Komplikationen können auftreten?
Trotz sorgfältiger Anlage kann es im Verlauf nach einer Stomaanlage zu verschiedenen Komplikationen kommen, die eine gezielte medizinische Beobachtung und Behandlung erfordern.
Wundheilungsstörungen
Probleme bei der Einheilung des Stomas treten vor allem in Form von Wundheilungsstörungen, Wundrandnekrosen (abgestorbenes Gewebe (Nekrose) am Rand einer Wunde) oder Ödemen auf. Diese Komplikationen können sowohl direkt postoperativ als auch verzögert auftreten und erfordern eine engmaschige Wundkontrolle.
Stomaekzem
Ein Stomaekzem ist eine häufige dermatologische Komplikation in der Stomaregion.
Ursachen:
- Chronisch irritatives Kontaktekzem, bedingt durch dauerhaften Kontakt mit Körpersekreten (Stuhl, Urin) oder aggressive Reinigungsmittel.
- Allergisches Kontaktekzem, ausgelöst durch eine Sensibilisierung auf Bestandteile des Stomaversorgungssystems, etwa Kleber oder Hautschutzprodukte.
- Sekundärinfektionen durch Bakterien oder Pilze können das Hautbild zusätzlich verschlechtern.
Klinisches Bild: Typisch ist ein nässendes, gerötetes Ekzem (Erythem) der umgebenden Haut, das häufig schmerzhaft und irritiert ist.
Parastomale Hernie
Bei einer parastomalen Hernie kommt es zu einer sicht- und tastbaren Vorwölbung neben dem Stoma. Diese entsteht durch eine Lücke in der Bauchwand, durch die sich Darmschlingen oder Fettgewebe vorwölben. Je nach Ausprägung kann dies Beschwerden verursachen oder zur Einklemmung führen.
Stomaprolaps
Ein Stomaprolaps bezeichnet den Vorfall des Darmes durch das Stoma, wobei sich die Darmschlinge teleskopartig nach außen verlagert. Dies kann schmerzhaft sein und je nach Ausmaß chirurgisch behandelt werden müssen.
Stomaretraktion
Die Stomaretraktion ist das Absinken des Stomas unter das Hautniveau, oft verbunden mit einer trichterförmigen Einstülpung. Dies erschwert die Versorgung und kann Hautreizungen und Undichtigkeiten zur Folge haben.
High-Output-Ileostoma
Ein High-Output-Ileostoma ist durch einen vermehrten Verlust von Flüssigkeit und Elektrolyten über das Stoma gekennzeichnet.
Klinische Folgen:
- Akut kann es zu einer Bedrohung der Nierenfunktion durch Volumenmangel kommen.
- Bei chronischem Verlauf besteht das Risiko für Malnutrition (Mangelernährung) sowie eine chronische Nierenerkrankung aufgrund persistierender Elektrolytverluste.
Versorgung eines Enterostomas
Material:
- Hautschutzplatte / Basisplatte (bei 2-teiligen Systemen)
- Stomabeutel (1- oder 2-teilig)
- Hautschutzmittel (z. B. Puder, Spray, Ringe)
- Stomamessschablone
- Weiche Kompressen / Reinigungstücher
- Handschuhe
- Entsorgungsmaterial (z. B. Beutel, Eimer)
- ggf. Schere (zum Zuschneiden)
Ablauf der Stomapflege:
Die Stomapflege erfolgt nach einem klar strukturierten Ablauf, um eine hygienische und hautschonende Versorgung sicherzustellen.
Zu Beginn steht die sorgfältige Vorbereitung. Zunächst erfolgt eine hygienische Händedesinfektion. Anschließend werden alle benötigten Materialien bereitgelegt, und der Patient wird über die Maßnahme informiert. Falls erforderlich, wird ein Sichtschutz angebracht, um die Intimsphäre zu wahren.
Im nächsten Schritt wird die alte Stomaversorgung entfernt. Dazu zieht die Pflegekraft Einmalhandschuhe an und löst den Stomabeutel vorsichtig von der Haut, um Reizungen zu vermeiden. Der Inhalt des Beutels wird gegebenenfalls in der Toilette entsorgt.
Danach folgt die Reinigung von Haut und Stoma. Mit lauwarmem Wasser und weichen Kompressen wird das Stoma sowie die umliegende Haut sanft gesäubert. Auf die Verwendung von Desinfektionsmitteln oder alkoholhaltigen Substanzen ist zu verzichten, da diese die Haut reizen können. Anschließend werden das Stoma und die angrenzende Hautpartie gründlich getrocknet.
Anschließend wird die Stomagröße kontrolliert. Mithilfe einer Schablone wird das Stoma ausgemessen, insbesondere wenn sich seine Größe verändert hat oder es sich um ein neu angelegtes Stoma handelt. Falls erforderlich, wird die Öffnung der Hautschutzplatte entsprechend zugeschnitten.
Im Anschluss wird die neue Versorgung vorbereitet und angebracht. Zuerst wird ein Hautschutzmittel – beispielsweise ein Spray oder Puder – aufgetragen, um die Haut zu schützen. Danach wird die neue Stomaversorgung, bestehend aus Hautschutzplatte und/oder Beutel, passgenau aufgeklebt. Dabei ist auf eine gute Haftung zu achten, um Undichtigkeiten zu vermeiden.
Zum Abschluss der Maßnahme erfolgt die Nachbereitung. Das verwendete Material wird fachgerecht entsorgt, und die Pflegekraft führt eine abschließende Händedesinfektion durch. Der Patient wird über den Zustand des Stomas informiert und erhält – falls nötig – weitere Hinweise zur Eigenpflege.
Beobachtungskriterien
Im Rahmen der Stomapflege ist die regelmäßige und sorgfältige Beobachtung des Stomas sowie der umliegenden Haut von zentraler Bedeutung. Veränderungen können frühzeitig auf Komplikationen hinweisen und ermöglichen ein rechtzeitiges Eingreifen.
Besonderes Augenmerk liegt auf der Farbe und dem Zustand des Stomas. Ein gesundes Stoma erscheint rosig, feucht und leicht aus der Haut hervortretend. Farbveränderungen wie Blässe, bläuliche Verfärbungen oder eine trockene Oberfläche können Hinweise auf Durchblutungsstörungen oder andere Störungen sein und sollten umgehend ärztlich abgeklärt werden.
Auch die Haut rund um das Stoma muss sorgfältig beobachtet werden. Rötungen, Reizungen, nässende Stellen oder Anzeichen von Pilzbefall deuten auf eine gestörte Hautschutzbarriere hin und erfordern geeignete pflegerische Maßnahmen. Ziel ist es, die Haut intakt und reizfrei zu halten.
Darüber hinaus sind Stuhlmenge und -beschaffenheit wichtige Beobachtungskriterien. Plötzliche Veränderungen, etwa bei der Konsistenz (zu flüssig oder zu fest), Farbe oder Menge, können auf Verdauungsprobleme, Infekte oder Komplikationen im Magen-Darm-Trakt hinweisen.
Schließlich sollte die Stomaversorgung regelmäßig auf Undichtigkeiten oder Geruchsentwicklung kontrolliert werden. Diese können nicht nur unangenehm sein, sondern auch zu Hautirritationen führen. Eine gute Haftung und passgenaue Versorgung sind daher entscheidend, um solche Probleme zu vermeiden.
Stomaberatung
Die Betreuung von Stomapatient:innen ist interdisziplinär und erfordert die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche. Neben der Viszeralchirurgie, die für die operative Anlage des Stomas verantwortlich ist, spielen auch die Pflege und spezialisierte Stomatherapeut:innen eine zentrale Rolle in der Nachsorge und Beratung.
Aufgaben von Stomatherapeut:innen:
| Aufgabenbereich | Tätigkeiten |
|---|---|
| Präoperative Beratung | Aufklärung über die Stomaanlage Auswahl der optimalen Stomaposition |
| Postoperative Beratung | Anleitung zur Stomapflege Auswahl geeigneter Versorgungssysteme |
| Schulung und Anleitung | Einweisung von Patient:innen und Angehörigen Förderung der Selbstständigkeit |
| Haut- und Komplikationsmanagement | Beobachtung der Haut Maßnahmen bei Reizungen, Leckagen oder Hautproblemen |
| Alltagsberatung | Tipps zu Ernährung, Kleidung, Sport, Reisen Umgang mit Intimität und Körperbild |
| Psychosoziale Unterstützung | Gesprächsangebote bei Ängsten und Unsicherheit Vermittlung von Selbsthilfegruppe |
| Interdisziplinäre Zusammenarbeit | Austausch mit Ärzt:innen, Pflege, Ernährung, Sozialdienst |
Fazit: Anpassung, Selbstständigkeit, Lebensfreude
Ein Enterostoma ist ein künstlicher Darmausgang, der zur Ableitung von Stuhl über die Bauchdecke dient – beispielsweise bei Erkrankungen des Darms oder nach Operationen. Die Pflege eines Stomas erfordert ein strukturiertes und hygienisches Vorgehen.
Ziel der Stomapflege ist es, Hautschäden und Infektionen zu vermeiden und dem Betroffenen einen sicheren, beschwerdearmen Alltag zu ermöglichen. Eine fachgerechte Pflege trägt wesentlich zur Lebensqualität und zum Wohlbefinden der Betroffenen bei.
Weitere Stomaarten:
Urostoma: Ein künstlicher Harnableitungsweg, meist aus einem Stück Dünndarm gebildet, zur Ableitung von Urin.
Tracheostoma: Ein operativ angelegter Zugang zur Luftröhre am Hals, der das Atmen bei verengten oder blockierten Atemwegen ermöglicht – vorübergehend oder dauerhaft.
Medizinische und rechtliche Hinweise:
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Quellen
- Tholen-Ihnen K. Stoma. pflege.de. Abgerufen am 24.06.2025 von https://www.pflege.de/pflegende-angehoerige/pflegewissen/stoma/
- AMBOSS SE. Kapitel: Darmchirurgie. Abgerufen am 24.06.2025, zuletzt aktualisiert am 28.05.2025 von https://next.amboss.com/de/article/Cl0q_T
- Al Abtah J. et al. I care Pflege. 2. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2020. Teil VI: Pflege von Menschen mit speziellen Erkrankungen. Kapitel 47: Pflege von Menschen mit Erkrankungen des Verdauungssystems / Pflege von Menschen mit Enterostoma.
- Coloplast. Stomapflege und -reinigung. Abgerufen am 24.06.2025 von https://www.coloplast.at/details/details-stoma/stomapflege-und-reinigung/
- Gebhardt L. Stomatherapeut/in – Weiterbildung und Berufsbild. Medi-Karriere. Abgerufen am 24.06.2025 von https://www.medi-karriere.de/weiterbildung/stomatherapeut/











