Epilepsie: Anfallsarten, Erste Hilfe und Pflege

Veröffentlicht am 05.08.2025

Epilepsie Aufnahmen Gehirn Symptome

Bei Epilepsie ist das Gehirn oder einzelne Hirnbereiche übermäßig aktiv und geben zu viele Signale ab. Quelle: Canva.de

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Nervensystems und betrifft nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit etwa 50 Millionen Menschen aller Altersgruppen. Charakterisiert durch wiederkehrende epileptische Anfälle, die durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn verursacht werden, zeigt sich die Erkrankung in sehr unterschiedlichen Formen – von kurzen Bewusstseinsstörungen bis hin zu schweren Krampfanfällen. Trotz ihrer weiten Verbreitung ist Epilepsie in der Öffentlichkeit häufig mit Unsicherheit, Vorurteilen und Unwissenheit behaftet. 

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Was genau ist Epilepsie? Welche Anfallsarten gibt es, und wie kann man Betroffenen helfen? 

Was ist eine Epilepsie?

Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es wiederholt zu epileptischen Anfällen kommt. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Aktivitäten in bestimmten Bereichen des Gehirns. Je nachdem, welche Hirnregion betroffen ist, können sich die Anfälle ganz unterschiedlich äußern – zum Beispiel durch Muskelzuckungen, kurze Bewusstseinsstörungen oder starke Krämpfe mit Bewusstlosigkeit. Man spricht von Epilepsie, wenn mindestens zwei unprovozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden auftreten oder das Risiko für weitere Anfälle deutlich erhöht ist.  

Epilepsie kann viele verschiedene Ursachen haben. Bei manchen Menschen ist sie genetisch bedingt, bei anderen entsteht sie durch Hirnschäden – etwa nach einem Schlaganfall, einem Schädel-Hirn-Trauma, einer Hirnhautentzündung oder bei Hirntumoren. Auch Fehlbildungen im Gehirn, Sauerstoffmangel bei der Geburt oder Stoffwechselstörungen können Auslöser sein. 

Anna Liebig

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Provozierende Ursachen sind äußere oder innere Einflüsse, die bei Menschen mit Epilepsie Anfälle auslösen können – auch wenn die Grunderkrankung gut eingestellt ist. Dazu gehören Schlafmangel, Stress, Alkoholkonsum, Drogen, flackerndes Licht (z. B. bei Fotosensibilität), sowie Infektionen oder Fieber. Auch das plötzliche Absetzen von Medikamenten, hormonelle Schwankungen oder starke emotionale Belastungen können Anfälle begünstigen. Das Erkennen und Vermeiden dieser Auslöser ist ein wichtiger Teil der Anfallskontrolle. 

Anfallsarten der Epilepsie

Art Charakteristik
Fokale Epilepsie bewusst oder unbewusst
Generalisierte Epilepsie unbewusst
Kombiniert fokale & generalisierte Epilepsie
Unklassifizierte Epilepsie

Epileptische Anfälle können unterschiedlich verlaufen – je nachdem, in welchem Teil des Gehirns die gestörte elektrische Aktivität auftritt und wie weit sie sich ausbreitet. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Hauptformen: fokale (partielle) und generalisierte Anfälle. 

Fokale Epilepsie

Fokale Anfälle entstehen in einem begrenzten Bereich des Gehirns. Die Symptome hängen davon ab, welche Hirnregion betroffen ist. Betroffene können zum Beispiel ungewöhnliche Empfindungen, Zuckungen in einzelnen Körperteilen oder eine veränderte Wahrnehmung erleben. Das Bewusstsein kann erhalten bleiben (fokal bewusst) oder beeinträchtigt sein (fokal beeinträchtigt). Man unterscheidet: 

Fokale Anfälle ohne Bewusstseinsverlust (einfache fokale Anfälle)

Diese Anfälle betreffen nur einen kleinen Teil der Hirnrinde. Das Bewusstsein bleibt erhalten. Je nach betroffener Region zeigen sich z. B.: 

  • Motorische Anfälle (Jackson-Anfälle): Zuckungen im Gesicht oder an Hand/Fingern (meist auf der Gegenseite zur betroffenen Hirnregion). 
  • Adversivanfälle: Der Kopf und die Augen drehen sich plötzlich zur Gegenseite – ausgelöst durch Reizung des prämotorischen Areals. 
  • Sensible und sensorische Symptome: Kribbeln, Taubheit, ungewöhnliche Gerüche, Geräusche, Lichtblitze, Geschmacksstörungen. 
  • Vegetative Symptome: Übelkeit, Bauchschmerzen, Hitzewallungen, Schwitzen, trockener Mund. 

Fokale Anfälle mit Bewusstseinsverlust (komplex-fokale) Anfälle

Hier ist das Bewusstsein eingeschränkt oder ganz unterbrochen. Es treten oft komplexe psychische oder motorische Symptome auf: 

  • Sprachstörungen: Vorübergehende Probleme beim Sprechen oder Verstehen. 
  • Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen: Déjà-vu-Gefühle oder das Gefühl, etwas nie erlebt zu haben. 
  • Emotionale Störungen: Plötzliche Angst, Freude oder Fremdheitsgefühl. 
  • Halluzinationen: Besonders Geruchshalluzinationen sind typisch. 
  • Automatismen: Wiederholte, sinnlose Bewegungen wie Kauen, Schmatzen oder zielloses Umhergehen. 

Fokale Anfälle mit sekundärer Generalisation

Ein fokaler Anfall kann sich ausbreiten und in einen generalisierten Krampfanfall übergehen. Häufig kündigt sich das durch eine sogenannte Aura an – ein frühes Warnzeichen (z. B. seltsames Gefühl im Bauch, ungewöhnliche Gerüche, Lichtblitze). Diese Aura gibt wichtige Hinweise darauf, wo im Gehirn der Anfall seinen Ursprung hat. 

Generalisierte Epilepsie

Generalisierte Anfälle betreffen von Beginn an beide Gehirnhälften. Zu den bekanntesten Formen zählt der tonisch-klonische Anfall mit Muskelversteifung, rhythmischen Zuckungen und Bewusstlosigkeit. Andere generalisierte Anfälle sind Absencen (kurze Bewusstseinspausen, oft bei Kindern), myoklonische Anfälle (plötzliche Muskelzuckungen) oder atonische Anfälle (plötzlicher Spannungsverlust in der Muskulatur, oft mit Stürzen). 

Absencen (Petit-mal)

Diese generalisierte Epilepsieform tritt besonders häufig im Kindesalter auf. Man unterscheidet: 

  • Typische Absencen: Plötzlich beginnende und endende Bewusstseinspause, die einige Sekunden bis zu einer halben Minute lang andauert. Dabei ist das Gesicht meist starr und leer - die Person wirkt wie eingefroren. 
  • Atypische Absencen: Bewusstseinsverlust mit zusätzlichen Symptomen wie Kopfneigen, Augenrollen, rhythmischen Zuckungen im Gesicht und automatischen Mundbewegungen (z. B. Schmatzen, Kauen). 

Anfälle mit motorischen Symptomen

  • Myoklonische Anfälle: Kurze, schnelle Zuckungen an Schultern und Armen. 
  • Klonische Anfälle: Wiederholte Muskelkrämpfe beidseitig, meist kurz. 
  • Tonische Anfälle: Muskelversteifungen (z. B. Arme nach oben), mit stärkerer Bewusstseinsstörung und kurzem Koma. 
  • Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust des Muskeltonus, häufig mit Stürzen. 

Generalisierte tonisch-klonische Anfälle (Grand mal)

Generalisierte tonisch-klonische Anfälle, auch Grand-mal-Anfälle genannt, sind die bekannteste und häufigste Form epileptischer Anfälle. Sie beginnen plötzlich und führen zu einem plötzlichen Bewusstseinsverlust. Der Anfall verläuft typischerweise in zwei Phasen:  

  1. Tonische Phase: Die Muskeln spannen sich an und der Körper versteift sich. Dabei stoßen Betroffene oft einen lauten Schrei aus, weil die Atemmuskulatur betroffen ist.  
  2. Klonische Phase: Rhythmische, schnelle Muskelzuckungen Armen, Beinen und Gesicht. Während des Anfalls kommt es häufig zum Atemstillstand, was zur Blaufärbung der Haut (Zyanose) führt. 
  3. Nachschlafphase: Nach der Krampfphase erschlafft der Körper und die Betroffenen sind verwirrt, müde und können sich nicht an den Anfall erinnern.  

Diese Anfälle dauern meist wenige Minuten und erfordern oft medizinische Betreuung. 

Besonderheit: Fieberkrampf

Ein Fieberkrampf ist ein epileptischer Anfall, der bei kleinen Kindern im Zusammenhang mit hohem Fieber auftritt – meist zwischen dem sechsten Lebensmonat und dem fünften. Lebensjahr. Er tritt plötzlich auf, oft bei einem raschen Temperaturanstieg, zum Beispiel bei einer Virusinfektion. Typisch ist ein generalisiert tonisch-klonischer Anfall, bei dem das Kind kurz das Bewusstsein verliert, verkrampft und mit Armen oder Beinen zuckt. Der Anfall dauert in der Regel weniger als fünf Minuten und hört von selbst auf. 

Fieberkrämpfe sind zwar für Eltern sehr beängstigend, aber in den meisten Fällen harmlos und hinterlassen keine bleibenden Schäden. Man unterscheidet: 

  • Einfacher Fieberkrampf:   Ein einzelner, kurzer Anfall ohne weitere Auffälligkeiten – dieser ist am häufigsten. 
  • Komplexer Fieberkrampf:   Länger als 15 Minuten, mehrmals innerhalb von 24 Stunden oder mit auffälligen Bewegungsmustern – hier ist eine genauere Abklärung nötig. 

Ein Fieberkrampf bedeutet nicht automatisch Epilepsie. Dennoch sollten Kinder nach dem ersten Anfall ärztlich untersucht werden, um andere Ursachen auszuschließen. Bei wiederholten Fieberkrämpfen kann in Absprache mit dem Kinderarzt ein Notfallmedikament verordnet werden. 

Erste-Hilfe bei epileptischen Anfällen

Wenn jemand einen epileptischen Anfall bekommt, ist schnelles und richtiges Handeln wichtig: 

  • Ruhe bewahren 
  • Person vor Verletzungen schützen: Entferne harte oder spitze Gegenstände aus der Nähe und polstere den Kopf, um ihn vor Verletzungen zu schützen.  
  • Nichts in den Mund geben - weder Nahrung, Getränke noch Gegenstände. 
  • Person nicht festhalten, aber vor Stürzen schützen. 
  • Kopf vorsichtig zur Seite legen, damit Speichel oder Erbrochenes abfließen kann und die Atemwege frei bleiben. 
  • Anfall beobachten: Dauer, Art der Bewegungen und ob Atmung normal bleibt. 
  • Nach dem Anfall Ruhe geben und die Person nicht allein lassen, bis sie wieder vollständig wach ist. 
  • Notruf wählen, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, weitere Anfälle ohne Erholung folgen, die Person verletzt ist oder nicht wieder zu Bewusstsein kommt. 

Therapie und Pflege der Epilepsie

Die Behandlung der Epilepsie erfolgt meist mit antiepileptischen Medikamenten, die helfen, die Anfälle zu kontrollieren oder ganz zu verhindern. Die Auswahl der Medikamente richtet sich nach der Art der Anfälle und individuellen Bedürfnissen. In einigen Fällen können auch operative Eingriffe oder spezielle Diäten, wie die ketogene Diät, sinnvoll sein. Neben der medizinischen Therapie spielt die Pflege eine wichtige Rolle: Sie umfasst die Unterstützung im Alltag, das Schaffen einer sicheren Umgebung und die richtige Reaktion bei Anfällen. Pflegepersonen sollten über die Krankheit gut informiert sein, um Betroffene einfühlsam zu begleiten und Notfallsituationen sicher zu meistern. Zudem ist es wichtig, die regelmäßige Einnahme der Medikamente zu überwachen und das Behandlungsteam bei Veränderungen oder Problemen frühzeitig einzubeziehen. 

Praktische Pflegetipps bei Epilepsie

  • Sichere Umgebung schaffen: Entferne scharfe, harte oder spitze Gegenstände, die bei einem Anfall verletzen könnten. Vermeide rutschige Böden oder hohe Möbel, an denen man fallen kann. 
  • Medikamente regelmäßig geben: Achte darauf, dass die Medikamente pünktlich und in der richtigen Dosierung eingenommen werden. 
  • Anfallskalender führen: Dokumentiere Häufigkeit, Dauer und Art der Anfälle, um dem Arzt wichtige Informationen zu liefern. 
  • Auf Auslöser achten: Hilf dabei, bekannte Anfalls-Auslöser wie Stress, Schlafmangel oder grelles Licht zu vermeiden. 
  • Aufklärung und Kommunikation: Informiere Familie, Freunde und Betreuer über die Epilepsie und die Erste-Hilfe-Maßnahmen, damit im Notfall alle richtig reagieren können. 

Komplikation der Epilepsie

Status epilepticus

Ein Status epilepticus ist ein medizinischer Notfall, bei dem ein epileptischer Anfall ungewöhnlich lange andauert oder mehrere Anfälle direkt hintereinander auftreten, ohne dass die betroffene Person zwischendurch wieder das Bewusstsein erlangt. Als kritisch gilt in der Regel eine Dauer von länger als fünf Minuten, besonders bei tonisch-klonischen Anfällen. 

Der Status epilepticus kann lebensbedrohlich sein, da langanhaltende Anfälle das Gehirn schädigen und lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Kreislauf beeinträchtigen können. Deshalb ist eine schnelle notärztliche Behandlung entscheidend. Die Therapie erfolgt meist mit Benzodiazepinen (z. B. Midazolam, Lorazepam) und – falls nötig – mit weiteren Antiepileptika oder sedierenden Medikamenten auf der Intensivstation. 

Es gibt verschiedene Formen des Status epilepticus, zum Beispiel den konvulsiven (mit sichtbaren Krampfanfällen) und den nicht-konvulsiven (oft schwer erkennbar, z. B. nur mit Verwirrtheit oder Bewusstseinsstörung). Eine genaue Diagnose erfolgt meist per EEG (Hirnstrommessung). 

Die wichtigsten Fragen zur Epilepsie

Wie wird Epilepsie diagnostiziert?

Die Diagnose der Epilepsie basiert vor allem auf der ausführlichen Beschreibung der Anfälle und der Krankengeschichte. Ergänzend werden neurologische Untersuchungen durchgeführt. Ein zentrales Hilfsmittel ist das EEG (Elektroenzephalogramm), das die elektrische Aktivität des Gehirns misst und typische epileptische Muster zeigen kann. Bildgebende Verfahren wie MRT oder CT helfen, mögliche strukturelle Ursachen im Gehirn zu erkennen. Die Kombination dieser Methoden ermöglicht eine genaue Diagnose und eine gezielte Therapieplanung. 

Worauf muss man bei Epilepsie achten?

Bei Epilepsie ist es wichtig, Auslöser für Anfälle zu erkennen und möglichst zu vermeiden, zum Beispiel Stress, Schlafmangel oder Alkohol. Die regelmäßige Einnahme der Medikamente ist entscheidend, um Anfälle zu verhindern. Betroffene sollten auf eine sichere Umgebung achten, um Verletzungen bei einem Anfall zu vermeiden. Außerdem ist es hilfreich, Familie, Freunde und Kollegen über die Erkrankung zu informieren, damit sie im Notfall richtig reagieren können. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt unterstützen eine optimale Behandlung und Anpassung der Therapie. 

Fazit: Mehr verstehen, besser leben

Epilepsie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich durch unterschiedliche Anfallsformen und Symptome äußert. Trotz der oft dramatischen Erscheinungen lässt sich Epilepsie heute dank moderner Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten gut kontrollieren. Wichtig sind ein gutes Verständnis der Krankheit, die richtige Erste Hilfe im Anfall sowie eine einfühlsame Pflege und Begleitung der Betroffenen. So kann das Leben mit Epilepsie weitgehend normal und selbstbestimmt gestaltet werden. 

Medizinische und rechtliche Hinweise:

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Quellen

  1. Deutsches Ärzteblatt. Weltweit etwa 52 Millionen Menschen von Epilepsie betroffen. Berlin: Deutsches Ärzteblatt; 2025, abgerufen am 19. Juli 2025, Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/news/weltweit-etwa-52-millionen-menschen-von-epilepsie-betroffen-2d6018f2-1381-43ce-854b-5e1402aee01d 
  2. Jesel M. Neurologie für Physiotherapeuten. 3. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2021.
  3. Lithmathe J. Neurologische Notfälle. Präklinische und interklinische Akutversorgung. 2. Aufl. Berlin: Springer; 2024. 
  4. World Health Organization. Epilepsy. Genf: World Health Organization; 2024, abgerufen am 24. Juli 2025, Verfügbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/epilepsy

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