Was ist Neurodiversität? Bedeutung und Relevanz im Pflegealltag

Veröffentlicht am 04.08.2025

Abbildung Neurodiversität Gehirn

Zu den neurologischen Ausprägungen, die Neurodivergenz umfasst, gehören verschiedene Störungen. Quelle: Canva.de

Im Pflegealltag begegnest du immer wieder Menschen, die anders denken, fühlen oder handeln. Vielleicht hast du dich schon mal gefragt, ob das eine Störung ist, oder einfach eine andere Art zu sein. Die Antwort, Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt des menschlichen Gehirns und seiner Funktionsweisen. Sie lädt dich ein, Unterschiede als Bereicherung wahrzunehmen, für Patient:innen, Kolleg:innen und dich selbst. 

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Was bedeutet Neurodiversität? 

Der Begriff Neurodiversität setzt sich aus „Neuro“ (Nerven) und „Diversität“ (Vielfalt) zusammen. Er wurde in den 1990er Jahren von der Soziologin Judy Singer und dem Journalisten Harvey Blume geprägt. Neurodiversität bedeutet: Unterschiede in der Gehirnentwicklung sind so normal wie Unterschiede in Hautfarbe oder Körpergröße. Sie sind weder besser noch schlechter, nur anders. 

Neurodivergenz  

Neurodivergent nennt man Menschen, deren Gehirne anders funktionieren als der Durchschnitt. Dazu zählen zum Beispiel Personen mit: 

  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) 
  • Autismus-Spektrum-Störung 
  • Lese- und Rechtschreibstörung (Dyslexie) 
  • Rechenstörung (Dyskalkulie) 
  • Hochsensibilität 

Neurodiversität ist also ein Sammelbegriff für diese natürlichen Unterschiede. Sie fordert, dass wir diese Vielfalt wertschätzen und nicht als Defizit betrachten. 

Anna Liebig

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Warum ist Neurodiversität in der Pflege relevant? 

In der Pflege triffst du täglich auf Menschen mit unterschiedlichen neurologischen Profilen, Patient:innen, Angehörige oder Kolleg:innen. Neurodivergente Personen nehmen Informationen anders auf, verarbeiten Reize unterschiedlich und haben oft besondere Bedürfnisse in der Kommunikation oder im Umgang mit Stress. 

Herausforderungen im Pflegealltag 

  • Missverständnisse in der Kommunikation 
  • Übersehen von körperlichen Erkrankungen durch „Maskieren“ (Verbergen der eigenen Neurodivergenz) 
  • Erhöhte Belastung für neurodivergente Pflegekräfte, die sich anpassen müssen 
  • Risiko von Fehldiagnosen oder verspäteter Unterstützung 

Chancen für die Pflege 

  • Mehr Verständnis für individuelle Bedürfnisse 
  • Förderung von Kreativität und neuen Lösungswegen im Team 
  • Verbesserte Patient:innenversorgung durch gezielte Anpassungen 
  • Stärkung der Inklusion und des Wohlbefindens im Beruf 

Wie erkennst du Neurodiversität? 

Neurodiversität zeigt sich häufig durch: 

  • Besondere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung 
  • Sensibilität für Geräusche, Licht oder Berührung 
  • Herausforderungen in sozialen Situationen 
  • Ungewöhnliche Problemlösestrategien 
  • Starke Fokussierung auf bestimmte Themen 

Diagnosen werden meist durch Fachärzt:innen, Psycholog:innen oder spezielle Tests gestellt. Viele Betroffene erkennen ihre Neurodivergenz aber auch durch Selbstreflexion oder im Austausch mit anderen. 

Evidenzbasierte Fakten und aktuelle Studien 

Die Forschung hat in den letzten Jahren viel über Neurodiversität herausgefunden: 

  • Selbstregulierendes Verhalten: (z. B. Stimming bei Autismus) ist für das emotionale Gleichgewicht wichtig. Eine Pilotstudie aus dem Jahr 2025 zeigte, dass 71 Prozent der Teilnehmenden von individuell angepassten Therapieansätzen profitieren. Personalisierte Interventionen verbessern die Stabilität bei 74 Prozent der Erwachsenen mit Spektrumstörungen. 
  • Umweltanpassungen wie ruhige Räume oder flexible Arbeitszeiten reduzieren die Belastung für neurodivergente Menschen um bis zu 41 Prozent. 
  • Aufklärungsprogramme erhöhen die Akzeptanz neurologischer Unterschiede in der Gesellschaft nachweislich um 63 Prozent innerhalb von sechs Monaten (Studie 2025, Editverse). Dennoch erhalten nur 34 Prozent der Erwachsenen mit Entwicklungsstörungen nach der Diagnose eine maßgeschneiderte Betreuung. 
  • Technologiegestützte Diagnostik verkürzt laut einer Analyse von 2025 die Diagnoseverzögerung um durchschnittlich 17 Monate. Interdisziplinäre Teams aus Medizin, Pädagogik und Technik erzielen die besten Ergebnisse. 

Wie kannst du als Pflegekraft neurodiverse Menschen unterstützen? 

Tipps für den Alltag 

  • Stelle offene Fragen und höre aktiv zu. 
  • Vermeide Reizüberflutung: Sorge für ruhige, strukturierte Umgebungen. 
  • Erkläre Abläufe und Veränderungen klar und verständlich. 
  • Akzeptiere, dass manche Patient:innen oder Kolleg:innen andere Kommunikationswege bevorzugen. 
  • Nutze Checklisten oder visuelle Hilfsmittel, um Informationen zu vermitteln. 
  • Respektiere Rückzugsbedürfnisse und biete flexible Lösungen an. 
  • Suche aktiv das Gespräch über individuelle Bedürfnisse und Wünsche. 

Für neurodivergente Pflegekräfte 

  • Sprich mit deinem Team über deine Stärken und Herausforderungen. 
  • Nutze Angebote wie Supervision, Coaching oder Peer-Beratung. 
  • Fordere Anpassungen ein, wenn du sie brauchst (z. B. flexible Arbeitszeiten, ruhige Pausenräume). 
  • Vernetze dich mit anderen neurodivergenten Kolleg:innen. 

Häufige Formen der Neurodivergenz

Form der Neurodivergenz Typische Merkmale Anteil in der Bevölkerung
ADHS Impulsivität, Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsprobleme ca. 5 Prozent
Autismus-Spektrum-Störung Besonderheiten in Kommunikation, Interessen, Wahrnehmung 0,6–1 Prozent
Dyslexie Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten 3–7 Prozent
Hochsensibilität Starke Reizempfindlichkeit Schätzungen variieren

Die wichtigsten Fragen zur Neurodiversität

Was ist der Unterschied zwischen neurodivergent und neurotypisch?

Neurodivergent bedeutet, dass das Gehirn anders arbeitet als der Durchschnitt. Neurotypisch beschreibt Menschen, deren Gehirne so funktionieren wie bei den meisten anderen.

Ist Neurodiversität eine Krankheit?

Nein. Sie ist eine natürliche Variation der Gehirnentwicklung. Manche Formen, wie ADHS oder Autismus, können zusätzliche Unterstützung erfordern, sind aber keine „Defekte“.

Wie kann ich als Pflegekraft sensibel mit neurodiversen Patient:innen umgehen?

Indem du offen, respektvoll und ohne Vorurteile kommunizierst. Frage nach individuellen Bedürfnissen und passe deine Betreuung an.

Welche Vorteile bringt Neurodiversität für das Pflegeteam?

Sie fördert Kreativität, neue Perspektiven und stärkt die Teamvielfalt. Das kann die Versorgung und das Arbeitsklima verbessern. 

Fazit: Vielfalt verstehen und wertschätzen

Neurodiversität ist ein Schlüssel zu mehr Verständnis, Inklusion und Innovation in der Pflege. Wenn du als Pflegekraft offen für die Vielfalt im Denken und Fühlen bist, profitieren alle: Patient:innen, Kolleg:innen und du selbst. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass individuelle Anpassungen und ein respektvoller Umgang die Lebensqualität und Arbeitszufriedenheit deutlich steigern können. 

Medizinische und rechtliche Hinweise    

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.    

Quellen

  1. Barmer. Neurodiversität: Ist Anderssein normal? Berlin: barmer.de; Abgerufen am: 13. Juli 2025 von https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/psyche/psychische-gesundheit/neurodiversitaet-1300456 
  2. HelloBetter. Was ist Neurodiversität und was können wir daraus lernen? Berlin: hellobetter.de; Abgerufen am: 13. Juli 2025 von https://hellobetter.de/blog/neurodiversitaet/ 
  3. SBK. Die Sommerausgabe der "Krankenpflege" ist da. Zürich: sbk-asi.ch; Abgerufen am: 13. Juli 2025 von https://sbk-asi.ch/de/aktuell/die-sommerausgabe-der-krankenpflege-ist-da 
  4. Editverse. 2025 Neurowissenschaft bestätigt: Warum Stimming für die Regulation wichtig ist. Berlin: editverse.com; Abgerufen am: 13. Juli 2025 von https://editverse.com/de/2025-neuroscience-confirms-why-stimming-is-essential-for-autistic-nervous-system-regulation/ 
  5. INQUA-Institut. Neurodiversität im Job: ein Leitfaden. Berlin: inqua-institut.de; Abgerufen am: 13. Juli 2025 von https://www.inqua-institut.de/blog/neurodiversitaet-im-job-ein-leitfaden/ 
  6. Robert Koch-Institut. Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Berlin: rki.de; Abgerufen am: 13. Juli 2025 von https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Psychische-Gesundheit/ADHS/adhs-node.html 
  7. Childhood Akademie. Neurodivergenz in Kliniken. Berlin: childhood-akademie.com; Abgerufen am: 13. Juli 2025 von https://childhood-akademie.com/neurodivergenz-in-kliniken 

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