Wie kann Pflege queersensibel sein? Pflegekräfte und Einrichtungen tragen eine große Verantwortung bei dem Thema "Queersensibilität". Quelle: Canva.de
Pflege ist vielfältig – das gilt nicht nur für die Herkunft, Religion oder den kulturellen Hintergrund von Pflegebedürftigen und Pflegekräften, sondern auch für ihre geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung. In Deutschland leben laut dem Landesverband Queere Vielfalt (LSVD) rund 10 Millionen Menschen, die sich als LSBTIQ* identifizieren. Darunter viele Menschen, die bereits oder in Zukunft in Pflegeheimen leben. Viele von ihnen sind heute oder künftig auf Pflege angewiesen – dennoch fehlt es oft an Konzepten für queersensible Pflege. Die Gründe sind vielfältig: fehlende Schulung, unsichtbare Biografien queerer Senior:innen, aber auch Unsicherheiten oder Vorurteile im Umgang mit LSBTIQ*-Themen – bei Pflegekräften wie bei Mitbewohner:innen.
Im Folgenden verwenden wir den Begriff LSBTIQ* als Sammelbegriff für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen. Er steht für vielfältige geschlechtliche Identitäten und sexuelle Orientierungen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen.
Queer in der Pflege: Was bedeutet das?
Bei der CSD-Demo in Berlin gehen Menschen für die Rechte von Schwulen, Lesben, Transsexuellen und Transgendern, Inter- und Bisexuellen auf die Straße. Doch Queerness umfasst mehr als das junge Image, das der CSD versprüht. Der Begriff "Queer" wird häufig als Sammelbegriff für homo-, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen verwendet und bezeichnet demnach Personen, die nicht der traditionellen, sozialen Norm bezüglich Geschlechts, sexueller oder beziehungstechnischer Präferenzen entsprechen. Auch ältere Menschen und Pflegebedürftige gehören dazu.
Sensibilität in der Pflege beginnt mit diskriminierungssensible Sprache, geht aber weit darüber hinaus. Eine queersensible Pflege stellt sicher, dass queere Menschen unter anderem die Unterstützung und Versorgung erhalten, die ihren individuellen Bedürfnissen gerecht wird. Unabhängig vom kulturellen, religiösen oder migrationsbedingten Hintergrund, aber auch von ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität. Im Kontext der queeren Community bedeutet dies: Pflegekräfte sollten versuchen, sich in queere Pflegebdürftige hineinzuversetzen, um ihre Situation besser zu verstehen. Dies schließt die Akzeptanz verschiedener Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierungen ein und erfordert vor allem eine offene und respektvolle Haltung.
Warum braucht es queersensible Pflege?
Jeder Mensch hat eine geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung. Mit dem Alter legen wir diese nicht einfach ab. Gerade im Gesundheitskontext machen queere Menschen oft ausgrenzende, diskriminierende oder traumatisierende Erfahrungen. Ein transparenter Umgang mit Intimität und Sexualität signalisiert Pflegebedürftigen, dass sie angst- und stressfrei leben können und so akzeptiert werden, wie sie sind.
Bedrückende Vergangenheit: Diskriminierung und Gewalterfahrungen
Viele ältere Menschen und Pflegebedürftige aus der LSBTIQ* Community haben bereits früh in ihrem Leben Diskriminierung und sogar Gewalterfahrungen machen müssen. Nicht selten mussten sie ihre Geschlechtlichkeit aus Angst verstecken. Zudem gab es lange eine staatliche Diskriminierung: Der sogenannte „Schwulenparagraf“ stellte homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen in Ostdeutschland bis Ende der 1950er, in Westdeutschland bis Anfang der 1970er unter Strafe.
Anna Liebig
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Aber auch heute noch kann es passieren, dass Menschen aus der LSBTIQ*-Community negative Erfahrungen in Institutionen machen. Wissen Pflegekräfte nicht über spezielle körperliche Bedürfnisse Bescheid, kann schnell neue Diskriminierung entstehen. Zum Beispiel bei trans Personen: Wenn im Ausweis ein männlich gelesener Name steht, aber die Person als weiblich wahrgenommen wird, kann es zu Verwirrung kommen. Auch bei der Ansprache passieren dann schnell unabsichtliche Verletzungen: Wenn man jemanden, der sich als Mann wahrnimmt, als „sie“ bezeichnet oder andersrum.
Was macht queersensible Pflegeangebote aus?
Queersensible Pflege geht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen ein und erkennt an, dass LSBTIQ*-Personen möglicherweise andere Bedürfnisse haben. Ein gemeinsam gelebtes Verständnis von Offenheit ist für die queersensible Pflege zentral.
Tipps: Daran erkennt man queersensible Angebote in der Pflege
Umgang zwischen Pflegekräften und Patient:innen basiert auf Respekt, Toleranz und Verständnis.
Informationen und Sensibilisierung zur Vielfalt der Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen, um Vorurteile abzubauen und Verständnis für die spezifischen Bedürfnisse queerer Menschen zu entwickeln.
Sprache in Wort und Schrift inklusiv gestalten.
Schaffung einer sicheren und wohlfühlenden Umgebung und Angebote. Dazu gehören auch Rückzugsorte für LSBTIQ*-Menschen, wo sie keine erneuten Diskriminierungen erfahren.
Queere Kulturangebote wie Bücher in den Einrichtungen und Filmabende können für die ganze Gemeinschaft bereichernd sein.
Pflegeeinrichtungen sollten die Biografien der zu pflegenden Personen kennen, berichtet die Apotheken Umschau.
Beschwerdemanagement, Kontakt zu Beratungsstellen und regelmäßige Fortbildungen für Mitarbeiter:innen.
Pflegeeinrichtungen als queersensibel sichtbar machen, beispielsweise durch die queersensible Gestaltung von Wohnräumen und Sanitäranlagen.
Gerade bei nicht-binären, bei trans* sowie bei intergeschlechtlichen Menschen können Name und Aussehen von gängigen Normvorstellungen abweichen. Es ist daher wichtig, die Selbstbezeichnung der Bewohner*innen zu erfragen.
Wichtig ist jedoch sowohl für Pflegepersonal als auch für die Einrichtungsleitung, die eigenen Handlungen und Vorurteile zu queersensiblen Themen zu reflektieren. Es bedarf einer klaren Haltung und Verständnisses, um die eigene Einrichtung für queersensible Bedürfnisse zu öffnen.
Sensibilisierte Pflegeeinrichtungen: Welche Schwierigkeiten und Erfahrungen machen Pflegekräfte?
Pflegekräfte erleben im Berufsalltag zahlreiche Herausforderungen: Zeitdruck, Personalmangel, emotionale Belastung – und nicht selten auch Diskriminierung. Besonders queere Pflegekräfte berichten von Vorurteilen, abwertenden Kommentaren oder struktureller Benachteiligung. Eine queersensible Pflegekultur darf sich daher nicht nur auf die Versorgung der Klient:innen beziehen, sondern muss auch im Team gelebt werden.
Ein respektvoller und offener Umgang miteinander ist die Basis für eine professionelle Pflege – unabhängig von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität. Wenn sich Pflegebedürftige oder Angehörige diskriminierend äußern oder queerfeindlich handeln, sollte dies nicht stillschweigend hingenommen, sondern konsequent angesprochen werden – etwa durch direkte Rückmeldung, Teamgespräche oder eine Meldung an die Einrichtungsleitung.
Einige Träger setzen bereits Standards für queersensible Arbeitskulturen um: Schulungen zu Diversity, Antidiskriminierungsrichtlinien oder Ansprechpersonen für queere Mitarbeitende sind erste Schritte. Auch Initiativen wie die Initiative der AWO "Queer im Alter" bieten Informationen und Handlungshilfen für eine diskriminierungssensible Pflegepraxis.
Sensibilität in der Pflegeausbildung:
Früher wurden die Inhalte der Pflegeausbildung stark nach dem binären Geschlechtssystem - also Frau und Mann - übermittelt. Im Rahmen der generalistischen Pflegeausbildung wurde das Thema LSBTIQ* nun in das Curriculum aufgenommen. Das Thema sollte also mit einem gewissen Stundenumfang in der Ausbildung behandelt werden.
Quellen
Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD); Was denkt Deutschland über Lesben, Schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und weitere queere Menschen? – Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage; abgerufen am 25.07.2025 von https://www.lsvd.de/de/ct/3168-Was-denkt-Deutschland-ueber-Lesben-Schwule-bisexuelle-trans-intergeschlechtliche-und-weitere-queere-Menschen
Apotheken Umschau; Mit einer Regenbogenfahne an der Tür ist es nicht getan – queerfreundliche Pflege in Deutschland; abgerufen am 24.07.2025 von https://www.apotheken-umschau.de/pflege/mit-einer-regenbogenfahne-an-der-tuer-ist-es-nicht-getan-861895.html
Landeshauptstadt Stuttgart; Broschüre „Queer im Alter – Für eine vielfaltssensible Pflege und Betreuung“ (Stand: 2024); abgerufen am 24.07.2025 von https://www.stuttgart.de/medien/ibs/2024_queer_im_alter_broschure_-_final_webversion_mit_hyperlinks.pdf
Koordinierungsstelle Queer im Alter (AWO Bundesverband); Über uns – Hintergrund und Ziele (Modelprojekt „Queer im Alter“ zur Öffnung der Altenhilfe für LSBTIQ*); abgerufen am 25.07.2025 von https://www.queer-im-alter.de/ueber-uns