Schmerzmanagement in der Pflege: Was sagt die Wissenschaft über alternative Therapieansätze?

Veröffentlicht am 21.08.2025

Frau mit Kopfschmerzen

Schmerzen sind sehr komplex. Eine Behandlung sollte daher immer ganzheitlich sein. Quelle: Canva.de

Anna Liebig

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Das Thema Schmerzen ist bei Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, leider sehr präsent. In der internationalen Literatur wird von einem Anteil bis zu 80 Prozent an von Schmerz betroffenen Patient:innen in der stationären Pflege gesprochen. Ein umfassendes und effektives Schmerzmanagement ist deshalb in der stationären, aber auch in der ambulanten Pflege, von immenser Bedeutung: Neben dem gezielten Einsatz von Medikamenten, spielen dabei zunehmend auch alternative Ansätze eine Rolle.

Schmerzmanagement in der Pflege - Was ist Schmerz?

Schmerz kennt jeder. Laut der Deutschen Schmerzgesellschaft wird Schmerz als unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis definiert, das mit einer tatsächlichen oder drohenden Gewebeschädigung verknüpft ist. Schmerz ist also in erster Linie ein Warnsignal des Körpers und damit überlebenswichtig. Ohne Schmerzen würden wir auf Schädigungen und gefährliche Situationen nicht richtig und rechtzeitig genug reagieren, in der Folge massive Verletzungen erleiden und entsprechend schnell sterben. Schmerzen sind außerdem sehr komplex: Sie können stark, mittel und schwach, andauernd oder nur punktuell sein und vom Charakter her als dumpf, brennend und stechend oder auch pochend, hämmernd, und elektrisierend empfunden werden.

Akute und chronische Schmerzen

In der Schmerzmedizin werden zwei Schmerzformen unterschieden: Akute Schmerzen und chronische Schmerzen. Akute Schmerzen entstehen infolge von Krankheit oder Verletzung und haben eine klar nachvollziehbare Ursache. Daraus können sich aus verschiedenen Gründen mit der Zeit chronische Schmerzen entwickeln. Davon spricht man, wenn Schmerzen seit mindestens drei Monaten, andauernd oder ständig wiederkehrend, bestehen und die Lebensqualität der Betroffenen dadurch deutlich beeinträchtigt wird.

Anders als bei akuten Schmerzen ist bei chronischen Schmerzen die Ursache häufig nicht mehr klar erkennbar. Man geht davon aus, dass hier die Nervenzellen allmählich sensibler auf Reize reagieren. Damit können schon leichte oder eigentlich harmlose Alltags-Reize Schmerzen auslösen. Chronische Schmerzen haben also meist keine sinnvolle Warnfunktion mehr. Sie stellen selbst das Problem dar und werden von der Schmerzmedizin seit etwa 2006 deshalb auch als eigenständige Krankheit betrachtet. 

Schmerztherapie in Deutschland

Die Schmerzmedizin ist in Deutschland eine noch relativ junge Disziplin. Sie ging in den 1970er Jahren aus dem Lehrstuhl für Anästhesiologie hervor. Aber erst 1996 wurde für Fachärzte auch die offizielle Zusatzbezeichnung “Spezielle Schmerztherapie“ nach einer rund zweijährigen Schmerz-Weiterbildung geschaffen. Heute weiß man, dass der Schmerz – insbesondere der chronische Schmerz – neben körperlichen, auch gefühlsmäßige, geistige und soziale Auswirkungen hat. Andersherum nehmen sämtliche bio-psycho-sozialen Faktoren im Umfeld der Patient:innen nachweislich auch wieder Einfluss auf das Schmerzgeschehen, und können es entsprechend positiv oder negativ verändern. Um dem hochkomplexen Thema Schmerz gerecht zu werden, ist die moderne Schmerztherapie deshalb interdisziplinär ausgerichtet und multimodal aufgestellt.  

Vor– und Nachteile von Schmerzmedikamenten

Eine entscheidende Säule der Schmerzmedizin sind die verschiedenen Arten von Schmerzmedikamenten, die traditionell nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingesetzt werden. Sie greifen an unterschiedlichen Stellen der Schmerzübertragung ein und helfen verlässlich, schnell und effektiv gegen viele Arten von Schmerzen. Allerdings ist die Gabe von Schmerzmedikamenten immer nur für eine begrenzte Zeit und in einer begrenzten Dosierung sinnvoll und verträglich.

Werden Schmerzmittel dagegen dauerhaft und/oder in zu hohen Dosen eingenommen, können sie den Körper stark belasten und zu ungewollten Nebenwirkungen oder sogar Schädigungen führen. Ein Beispiel hierfür sind schmerzmittelinduzierte Kopfschmerzen, die – wie der Name schon sagt – durch die übermäßige Einnahme von Schmerzmitteln zurückzuführen ist. Man geht davon aus, dass rund fünf Prozent aller Kopfschmerzen von Schmerzmittelmissbrauch herrühren. Die Gefahr einer Abhängigkeit bergen außerdem opioidhaltige Schmerzmittel, die gegen stärkere Schmerzen eingesetzt werden. Aber auch freiverkäufliche Schmerzmittel, wie Paracetamol, Ibuprofen oder Diclofenac können bei missbräuchlicher Anwendung zu ungewollten Nebenwirkungen, wie Allergien, Magen- und Kreislaufproblemen sowie Leber- und Nierenschäden führen.

Insbesondere zur oft längerfristigen Therapie von chronischen Schmerzen sind Schmerzmedikamente nur eingeschränkt einsetzbar und auch wirksam. Im Rahmen der multimodalen Schmerzmedizin sind zunehmend auch nicht-medikamentöse Alternativen zur risikoarmen Schmerzlinderung willkommen. Sie können die Medikamentennutzung reduzieren und sinnvoll ergänzen. Auch betroffene Patient:innen sind alternativen Schmerztherapien gegenüber vielfach sehr offen oder wünschen sich deren Anwendung sogar ganz aktiv.

Wissenschaftliche Evidenz zu alternativen Schmerztherapien

Die wissenschaftliche Evidenz von alternativen Schmerztherapien, wie Akupunktur, physikalische Therapieformen sowie Musik- und Aromatherapie, ist – gemessen an der Studienlage zu Schmerzmedikamenten – leider immer noch vergleichsweise dünn. In den letzten Jahren hat die Forschung zur Wirksamkeit von alternativen Schmerztherapien jedoch durchaus zugenommen. 

Akupunktur, Physiotherapie,Wärme- & Kältetherapie

Akupunktur

Akupunktur ist ein alternatives Therapieverfahren aus der traditionellen chinesischen Medizin, das inzwischen auch in der westlichen Welt sehr beliebt ist und einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt. Die Wirksamkeit der Stimulation bestimmter Punkte mit Nadeln gegen Schmerzen wurde bereits vielfach untersucht. Besondere Beachtung fanden vor allem die GERAC- und ART-Studien, die Anfang der 2000er Jahre unter anderem von den beiden großen deutschen Krankenkassen Techniker sowie AOK gefördert wurden. Es handelte sich dabei, mit insgesamt über 3.600 Teilnehmenden, um zwei vergleichsweise großangelegte Studien, in denen die Wirksamkeit von Akupunktur gegenüber der leitlinienorientierten Standardtherapie bei häufigen Schmerzkrankheiten untersucht wurde.

Dabei zeigte sich die Anwendung von Akupunktur, insbesondere bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken sowie bei Kniegelenksarthrose, der klassischen Standardtherapie gegenüber signifikant überlegen. Seither wird Akupunktur unter bestimmten Bedingungen bei diesen beiden Krankheitsbildern von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Hinweise für eine starke Evidenz der Wirksamkeit der Nadeltherapie, zeigte sich darüber hinaus auch bei der Behandlung von Kopfschmerzen, postoperativen Schmerzen, postoperativer Übelkeit und Erbrechen sowie bei Heuschnupfen und zur Migräneprohylaxe. Kritiker führen jedoch an, dass die gemessene Wirksamkeit in den Studien vor allem auf den Placeboeffekt zurückzuführen sei, da sich die Ergebnisse der echten Akupunktur nur geringfügig von denen der Scheinakupunktur unterschieden. 

Physiotherapie

Ein besonders gängiges nicht-medikamentöses Therapieverfahren zur Behandlung von Schmerzen ist die Physiotherapie. Unter diesem Überbegriff werden die Verfahren Massagetherapie, Bewegungstherapie und physikalische Therapieformen, wie Elektro- oder auch die Thermotherapie, zusammengefasst. Massagetherapien und physikalische Therapien wirken vor allem passiv über das Setzen von gezielten Reizen und manuellen Techniken auf die Haut und die darunter liegenden Strukturen, wie Muskeln, Sehnen und Faszien. Diese Therapieformen werden meist als sehr angenehm und entlastend empfunden. Auch bringen sie kurzfristig oft eine gute Schmerzlinderung.

Wenn die Ursachen, wie etwa Bewegungsarmut, Fehl- oder Haltungsschäden, aber nicht verändert werden, kommen die Schmerzen in der Regel schnell wieder. In wissenschaftlichen Studien zeigten deshalb auch die aktiven Physiotherapieformen, sprich die Bewegungstherapien, wie Krankengymnastik und manuelle Therapie, die von den Patient:innen aktiv ausgeführt werden müssen, eine langfristigere Wirkung. Die Evidenz von Physiotherapie als unterstützendes Element in der Schmerzbehandlung ist von der Schulmedizin anerkannt und wird nach Verordnung durch einen Arzt grundsätzlich von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. 

Wärme- und Kältetherapie

Im Rahmen eines multimodalen Schmerzmanagements werden die verschiedenen Therapieformen der Physiotherapie oft auch miteinander kombiniert. Insbesondere die Wärme- und Kältetherapie, auch Thermotherapie genannt, kann Krankengymnastik oder auch Massagen gut ergänzen. Die Thermotherapie hat eine sehr lange Tradition und wird bereits seit vielen Jahren zur Linderung von Schmerzen, vor allem bei Muskel- und Gelenkschmerzen, eingesetzt.

Die Thermotherapie gehört zu den physikalischen Therapieformen und ist wissenschaftlich gut untersucht. So reduzieren Kälteanwendungen wie Eis- und Kühlauflagen kurzfristig die Durchblutung und haben dadurch eine abschwellende und schmerzstillende Wirkung. Wärmeanwendungen mit Moor, Fango oder Rotlicht steigern die Durchblutung und wirken dadurch muskelentspannend und ebenfalls schmerzlindernd. Haupteinsatzgebiete der Thermotherapie sind Muskelverspannungen sowie degenerativer Erkrankungen, wie Arthrose und Bandscheibenvorfall oder auch chronisch entzündliche Gelenkerkrankungen wie Rheuma. Aber auch vegetative Beschwerden, wie Bauchschmerzen und Reizdarm können damit nachweislich gut gelindert werden. 

Musik- und Aromatherapie in der Pflege: Wirksamkeit und Grenzen

Aromatherapie

Die Aromatherapie, also der gezielte Einsatz von ätherischen Ölen, hat eine lange Tradition. Speziell in der Pflege erfreut sich das Naturheilverfahren seit einigen Jahren zunehmender Beliebtheit. Denn die Pflanzendüfte sind vielseitig und einfach anwendbar, vergleichsweise preisgünstig und haben nachweislich viele positive Effekte auf die Gesundheit. So konnte in Studien nachgewiesen werden, dass die Anwendungen unter anderem dazu beitragen, die Wundheilung zu fördern, Schmerzen zu lindern, den Schlaf zu erleichtern, die Stimmung zu verbessern und das allgemeine Wohlbefinden zu steigern.

Diese positiven Effekte kommen nicht nur den Pflegebedürftigen zugute, sondern helfen auch den Pflegekräften besser durch den oft stressigen Pflegealltag zu kommen. Die Effekte der Aromatherapie oder auch Aromapflege sind klinisch nachweisbar, aber in ihrer Wirkung begrenzt. Aromatherapeutische Maßnahmen können die Schulmedizin daher keinesfalls ersetzen, jedoch sinnvoll ergänzen und dazu beitragen den Einsatz von Schmerz- und Beruhigungsmitteln sowie Psychopharmaka zu reduzieren. 

Musiktherapie

Ähnliches gilt für die Musiktherapie. Auch hier gibt es Reihe an Einzel-Studien, die auf positive Effekte, insbesondere bei Unruhezuständen, Stress, Schmerzen und Schlafstörungen hinweisen. Eine allgemeine Aussage über die Wirkung von Musiktherapie ist jedoch bislang noch nicht zuverlässig möglich, da die verschiedenen Studien wissenschaftlich nur schwer miteinander vergleichbar sind. Erfahrungsmedizinisch zeigen sich jedoch unbestritten eine Vielzahl an positiven Effekten, die die Schulmedizin sinnvoll, therapeutisch unbedenklich und vergleichsweise kostengünstig ergänzen können.

Anwendungsmöglichkeiten für Pflegekräfte in Kliniken & Heimen

Um die positiven Effekte von alternativen Therapieformen im Pflegealltag einsetzen zu können, ist natürlich entsprechendes Fachwissen nötig. Speziell für Pflegekräfte werden dazu eine Vielzahl an Weiterbildungen zu alternativen Therapieformen angeboten. Insbesondere Fortbildungen in Musik- und Aromatherapie sind sehr beliebt. Sie werden vielfach auch berufsbegleitend angeboten. Viele Arbeitgeber unterstützen solche Zusatzausbildungen durch Freistellungen oder auch finanziell, denn Fachkräfte mit diesen Zusatzqualifikation tragen aktiv dazu bei die Gesundheit der Patient:innen auf besonders schonende Art zu verbessern, deren Lebensqualität zu erhöhen und damit letztendlich auch Zeit und Geld und teuer Medikamente einzusparen.

Fazit: Kombination aus medikamentösen und alternativen Ansätzen sinnvoll

Alternative Therapien sind in der Pflege eine kostengünstige und nebenwirkungsarme Ergänzung zur Schulmedizin. Sie können auf einfache und wirkungsvolle Weise dazu beitragen die Dosis und/oder Frequenz von chemisch-pharmazeutischen Medikamenten zu verringen, die Stimmung zu verbessern, Stress und Schmerzen zu reduzieren und damit insgesamt die Lebensqualität der Pflegebedürftigen zu verbessern. 

Pflegekräfte mit Weiterbildungen in alternativen Therapieformen sind in Kliniken und Heimen besonders gefragt. Denn sie helfen die Schmerztherapie der Pflegebedürftigen auf sanfte und kostengünstige Art qualitativ stark zu verbessern, was die Lebensqualität der Patien:innen erhöht und letztendlich auch Kosten spart. 

Quellen

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