Anatomie und Funktion des Herz-Kreislauf-Systems
Veröffentlicht am 25.05.2025

Quelle: canva.com
Kaum ein System ist so entscheidend für unser Überleben – und doch so oft unterschätzt. Das Herz-Kreislauf-System versorgt jede einzelne Körperzelle mit Sauerstoff, transportiert Nährstoffe, Hormone und Wärme und entsorgt gleichzeitig Abfallstoffe wie Kohlendioxid. Es besteht aus einem komplexen Netzwerk aus Arterien, Venen und Kapillaren, das durch das Herz in ständiger Bewegung gehalten wird. Doch wie unterscheiden sich die verschiedenen Gefäße? Was macht ein Hochdrucksystem aus – und wieso braucht unser Körper ein Niederdrucksystem?
Anatomische Einteilung der Gefäße
Es gibt verschiedene Arten von Blutgefäßen, die sich sowohl in ihrem Aufbau als auch in ihrer Funktion unterscheiden. Grundsätzlich werden Blutgefäße in Arterien, Kapillaren und Venen eingeteilt.
Arterien
Arterien transportieren sauerstoffreiches Blut vom Herzen weg und haben im Verlauf einen immer kleiner werdenden Durchmesser. Es wird dann von Arteriolen, Metarteriolen und schließlich Kapillaren gesprochen. Aufgrund ihrer Funktion werden Arteriolen auch als Widerstandsgefäße bezeichnet: Durch ihren variablen Widerstand regulieren sie den Blutfluss und ermöglichen so eine bedarfsgerechte Durchblutung der einzelnen Organe.
Es gibt zwei Arten von Arterien: Arterien vom elastischen Typ und Arterien vom muskulären Typ:

Anna Liebig
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Arterien vom elastischen Typ
- Lage: herznahe Gefäße, z. B. Aorta, Truncus pulmonalis.
- Funktion: Windkesselfunktion → Umwandlung des pulsatilen Blutstroms
(Herzschläge) in einen gleichmäßigen Fluss. - Aufbau: hoher Anteil an elastischen Fasern in der Gefäßwand.
Arterien vom muskulären Typ
- Lage: herzfern, z. B. A. brachialis, A. femoralis.
- Funktion: aktive Regulation des Gefäßdurchmessers → wichtige Rolle
bei der Blutdruckregulation. - Aufbau: mehr glatte Muskulatur in der Tunica media.
- Übergang: in kleinere Gefäße wie Arteriolen und Metarteriolen.
Kapillaren
Kapillaren bilden die feinsten Verästelungen des arteriellen und venösen Gefäßsystems. Sie stellen die Verbindung zwischen den Arterien und Venen dar und vermitteln im Gewebe den Gas- und Stoffaustausch. Die Kapillaren bestehen aus zwei Zellarten, den Endothelzellen und den Perizyten.
Das Lumen von Kapillaren ist mit etwa 6 µm relativ klein – etwas geringer als der Durchmesser eines einzelnen roten Blutkörperchens, das sich deshalb verformen muss, um diese Gefäße passieren zu können.
Histologisch unterscheidet man drei Typen von Kapillaren: kontinuierliche, fenestrierte und diskontinuierliche Kapillaren.
| Typ | Struktur | Vorkommen | Funktionelle Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Kontinuierlich | Geschlossene Endothelzellschicht, durchgehende Basalmembran | ZNS, Herz, Muskulatur, Haut, Lunge | Strenge Barrierekontrolle, z. B. Blut-Hirn-Schranke |
| Fenestriert | Endothel mit Poren, Basalmembran bleibt intakt | Darm, Nieren, endokrine Drüsen | Erhöhter Stoffaustausch, ideal für Filter- und Sekretionsfunktionen |
| Diskontinuierlich (Sinusoide) | Lücken im Endothel und in der Basalmembran | Leber, Milz, Knochenmark | Durchtritt großer Moleküle oder Zellen möglich – wichtig für Immun- & Blutbildung |
Venen
Die Venen transportieren das venöse Blut aus der Peripherie zurück zum Herzen. Sie schließen sich an das Kapillarbett an und nehmen im Verlauf kontinuierlich an Durchmesser zu: Auf die Kapillaren folgen zunächst die Venolen, dann die Venen und schließlich münden diese in die Hohlvenen.
Eine besondere Eigenschaft der Venen ist ihre hohe Dehnbarkeit. Dadurch können sie große Mengen Blut speichern und werden deshalb auch als Kapazitätsgefäße bezeichnet.
Histologische Einteilung der Gefäße
Ein zentrales Merkmal des Gefäßsystems ist der schichtweise Aufbau der Gefäßwand, der je nach Gefäßtyp spezifische strukturelle und funktionelle Unterschiede aufweist.
| Struktur / Schicht | Arterien | Kapillaren | Venen |
|---|---|---|---|
| Tunica intima | Endothelschicht – Gas-, Flüssigkeits-, Nährstoffaustausch zwischen Blut und Gewebe | Endothelschicht – Gas-, Flüssigkeits-, Nährstoffaustausch zwischen Blut und Gewebe | Endothelschicht mit Venenklappen – Rückfluss des Blutes verhindern, gerichteter Blutstrom |
| Basalmembran | Enthalten (mit Membrana elastica interna) | Vorhanden – sorgt für Stabilität, Barriere und Fixierung | Enthalten |
| Perizyten | – | Vorhanden – unterstützen Struktur & Regeneration | – |
| Membrana elastica interna | Deutliche Bindegewebsschicht – Grenze zur Media | – | Bindegewebsschicht |
| Tunica media | Dicke Muskelschicht – sorgt für Kontraktion & Dilatation | – | Dünner, mit weniger Muskelzellen – passive Anpassung an Blut- und Volumenschwankungen |
| Membrana elastica externa | Bindegewebsschicht – Grenzschicht zur Tunica externa | – | |
| Tunica externa / adventitia | Starke Bindegewebsschicht – Befestigung an angrenzende Strukturen | – | Kann Muskelzellen enthalten, oft dickste Schicht – Stabilität, Schutz vor Überdehnung |
Anatomische Einteilung des Herz-Kreislauf-Systems
Der menschliche Blutkreislauf besteht anatomisch aus zwei miteinander verbundenen Kreisläufen: dem großen Kreislauf (Körperkreislauf) und dem kleinen Kreislauf (Lungenkreislauf).

Körperkreislauf
Der Körperkreislauf beginnt im linken Ventrikel. Von dort wird sauerstoffreiches Blut unter hohem Druck in die Aorta gepumpt. Über die Organarterien gelangt es in die Kapillarbette der Organe, wo der Stoffaustausch stattfindet. Anschließend fließt das nun sauerstoffarme Blut über die Organvenen in die obere bzw. untere Hohlvene und schließlich in den rechten Vorhof.
Die Hauptaufgaben dieses Kreislaufs sind die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff und Nährstoffen sowie der Abtransport von Kohlendioxid und Stoffwechselprodukten.
Eine besondere Ausnahme im Körperkreislauf stellt das sogenannte Pfortadersystem dar. Es handelt sich hierbei um ein Gefäßsystem, in dem zwei Kapillarbette hintereinander geschaltet sind. Dieses System findet sich im Bereich des Magen-Darm-Trakts und der Leber. Das Blut aus Organen wie Dünn- und Dickdarm, Magen, Milz und Bauchspeicheldrüse sammelt sich in der Vena portae (Pfortader). Diese transportiert das nährstoffreiche, aber sauerstoffarme Blut zur Leber. Dort erfolgt die Filterung, Verarbeitung, Speicherung und Entgiftung der aufgenommenen Substanzen. Über die Lebervenen (Venae hepaticae) gelangt das Blut weiter in die untere Hohlvene und damit zum rechten Vorhof.
Das Pfortadersystem ist für den Körper essenziell, da es sicherstellt, dass alle Nährstoffe und potenziell schädlichen Substanzen aus dem Verdauungstrakt zunächst von der Leber kontrolliert werden, bevor sie in den systemischen Kreislauf übertreten.
Lungenkreislauf
Der Lungenkreislauf beginnt im rechten Vorhof, von wo das sauerstoffarme Blut in den rechten Ventrikel fließt. Von dort wird es über die Pulmonalarterien in die Lungenkapillaren geleitet. In der Lunge findet der Gasaustausch statt: Sauerstoff wird aufgenommen, Kohlendioxid abgegeben. Das nun sauerstoffreiche gelangt über die Pulmalvenen in den linken Vorhof und schließlich wieder in den linken Ventrikel – der Kreislauf beginnt von vorn.
| Kategorie | Körperkreislauf | Lungenkreislauf |
|---|---|---|
| Start | Linker Ventrikel | Rechter Vorhof |
| Ende | Rechter Vorhof | Linker Vorhof |
| Blutart | Sauerstoffreich zu sauerstoffarm | Sauerstoffarm zu sauerstoffreich |
| Druck | Hochdrucksystem | Niederdrucksystem |
| Aufgabe | Versorgung des Körpers mit Sauerstoff und Nährstoffen | Gasaustausch: Sauerstoffaufnahme, Kohlendioxidabgabe |
Funktionelle Einteilung des Herz-Kreislauf-Systems
Der Blutkreislauf lässt sich funktionell in ein Hochdrucksystem und ein Niederdrucksystem unterteilen.
Funktion des Hochdrucksystems
Zum Hochdrucksystem zählen der linke Ventrikel während der Systole sowie alle arteriellen Gefäße des großen Kreislaufs. Dieses System erzeugt, speichert und überträgt den Druck, der zur Versorgung der Organe notwendig ist. Es enthält etwa 15 % des gesamten Blutvolumens, wobei der Druck zwischen 80 und 120 mmHg liegt.
Funktion des Niederdruckssystems
Das Niederdrucksystem umfasst die Kapillaren, Venen, den rechten Vorhof, den rechten Ventrikel, den Lungenkreislauf, den linken Vorhof sowie den linken Ventrikel während der Diastole. Es erfüllt zwei Hauptfunktionen: Blutspeicherung und Stoffaustausch. Etwa 85 % des Blutvolumens befinden sich in diesem Bereich. Die Druckwerte liegen hier deutlich niedriger, typischerweise zwischen 2 und 20 mmHg.
Warum ist diese Einteilung wichtig?
- Druckunterschiede steuern den Blutfluss durch das Gefäßsystem.
- Die Organfunktion und Durchblutung hängen von der richtigen Druckverteilung ab.
- Klinische Relevanz: Störungen in Hoch- oder Niederdrucksystem haben unterschiedliche Ursachen und führen zu verschiedenen Krankheitsbildern.
- Regulation und Anpassung: Der Körper kann die Druckverhältnisse individuell anpassen, z. B. bei körperlicher Belastung.
Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems
Arterielle Hypertonie
Die arterielle Hypertonie ist der weltweit häufigste kardiovaskuläre Risikofaktor. Sie liegt vor, wenn der Ruheblutdruck ≥140/90 mmHg beträgt. Die Behandlung beginnt in der Regel mit einer Änderung des Lebensstils, z. B. durch gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und Gewichtsreduktion.
Periphere arterielle Verschlusskrankheit (paVK)
Bei der pAVK ist die Durchblutung der Extremitäten – vor allem der Beine – vermindert. Hauptursache ist die Arteriosklerose. Zu den wesentlichen Risikofaktoren zählen Diabetes mellitus, Adipositas und arterielle Hypertonie. Es handelt sich meist um einen chronisch fortschreitenden Krankheitsverlauf.
Aneurysma
Ein Aneurysma ist eine Ausbuchtung der Gefäßwand, bei der eine oder mehrere Schichten der Gefäßwand betroffen sein können. Häufige Ursachen sind arterielle Hypertonie, Arteriosklerose oder Verletzungen (Traumen). Der Verlauf kann von asymptomatisch bis hin zu einer lebensbedrohlichen Ruptur reichen.
Thrombose
Eine Thrombose bezeichnet den teilweisen oder vollständigen Verschluss eines Blutgefäßes durch ein Blutgerinnsel (Thrombus). Besonders häufig betroffen sind die tiefen Beinvenen.
Embolie
Eine Embolie entsteht durch die Verschleppung von Material (z. B. Thrombus, Fetttropfen oder Fruchtwasser) in das Gefäßsystem, das dort ein Gefäß verschließt. Die Folgen können je nach Lokalisation lebensbedrohlich sein – etwa bei einer Lungenembolie.
Fazit
Das Herz-Kreislauf-System spielt eine zentrale Rolle für das Funktionieren des menschlichen Körpers. Es gewährleistet die kontinuierliche Versorgung aller Organe mit lebenswichtigen Stoffen und den Abtransport von Abfallprodukten. Durch das fein abgestimmte Zusammenspiel von Herz, Blutgefäßen und Blutvolumen können sich der Körper und seine Organe an unterschiedliche Belastungen und Bedürfnisse anpassen. Es stellt damit nicht nur ein Transportnetz, sondern auch ein zentrales Steuerungssystem dar.
Medizinische und rechtliche Hinweise:
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Quellen:
- AMBOSS SE, Kapitel: Aufbau und Funktion der Blutgefäße (Kapitel aktualisiert zuletzt am: 23.10.2024, Stand: 20.05.2025), https://next.amboss.com/de/article/go0FYS?q=aufbau+und+funktion+der+blutgef%C3%A4%C3%9Fe
- AMBOSS SE, Kapitel: Grundlagen des Kreislaufs (Kapitel aktualisiert zuletzt am: 04.04.2025, Stand: 20.05.2025), https://next.amboss.com/de/article/no07cS?q=grundlagen%20des%20kreislaufs
- Schmitz F., Schwarz K., I Care Anatomie Physiologie (2020), Thieme, 2.Auflage, Teil II Anatomie und Physiologie der Organsysteme, Kapitel 7: Kreislauf- und Gefäßsystem, S.138-160
- Gabriela Aust. et al.: Duale Reihe Anatomie (2024), Thieme, 6. Auflage, Kapitel: Herz-Kreislauf-System – Grundlagen, S.145-164











