Alzheimer: Blick ins Ausland – Was machen andere Länder?

Veröffentlicht am 11.09.2025

Ein Mann blickt frontal in die Kamera, daneben sind zwei verzerrte Bilder von ihm.

Durch den demografischen Wandel steigt die Anzahl an Demenz-Betroffenen. Quelle: Canva.de

Alzheimer ist die bekannteste und häufigste Form von Demenz. Sie bedeutet für Betroffene fortschreitende Einbußen hinsichtlich Gedächtnis, logischer Denkprozesse und Selbstständigkeit. Doch Demenz ist nicht gleich Demenz: Neben Alzheimer gibt es außerdem vaskuläre Demenz, die Lewy-Körper-Demenz oder die frontotemporale Demenz. Sie alle variieren in ihren Ausprägungen und Verläufen. Klar ist aber: Das Thema geht uns alle an, denn immer mehr Menschen sind betroffen:

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Klarer Trend! „Zum Ende des Jahres 2023 lebten in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Häufigste Demenzursache ist die Alzheimererkrankung. Im Jahr 2023 sind etwa 445.000 Menschen im Alter 65+ neu an einer Demenz erkrankt. Infolge des demographischen Wandels nimmt die Anzahl der Betroffenen weiter zu.”, so die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. (2024).

Wie sehen nationale Demenzstrategien aus? 

Zahlreiche Länder haben nationale Demenzstrategien (kurz: NDS) entwickelt, die stark von den Gegebenheiten vor Ort abhängen. Ziel dieser Strategien ist in der Regel eine Verbesserung der Lebensqualität der von Demenz Betroffenen und der Angehörigen. Ein Vergleich verschiedener NDS der Schweiz, Schottland und Frankreich zeigt: Es gibt zwar keine Muster-Strategie, aber wichtige Hinweise, auch für Deutschland. So hat die Autorin Maike Merkle bereits 2015 in einem Bericht für die Beobachtungsstelle für gesellschaftspolitische Entwicklungen in Europa bedeutende Faktoren einer hochwertigen NDS festgehalten:

 ● klare Zuständigkeiten

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●  eine nationale Leitung

● ein zugewiesenes Budget

● ein Zeitplan

● ein abgestimmtes Vorgehen

● die Benennung von auszuführenden Maßnahmen (etwa im Versorgungssystem)

● die Beteiligung von Betroffenen sowie

● eine Vielfalt an Beteiligten – zur besseren Information der Gesamtbevölkerung.

Ein Blick in die Welt zeigt:
Die Prognose für Alzheimer und andere Demenzformen nimmt auch auf globaler Ebene zu. So könnten bis 2050 weltweit ca. 139 Millionen Menschen von Demenz betroffen sein.

Versorgungssysteme & Versorgungsstruktur in Europa

In allen europäischen Ländern gibt es Bemühungen um eine demenzgerechte Pflege sowie vereinzelte Modelle guter Pflegepraxis. Aber: Die Unterschiede in der demenzsensiblen Versorgung sind groß. So bestehen in Bulgarien, Finnland, Italien, Liechtenstein, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Schweden und in Großbritannien flächendeckende Strukturen, während in Belgien, Griechenland, Irland, Portugal und Rumänien entsprechende Angebote lediglich regional verfügbar sind. Das bedeutet: In einer Stadt können Menschen auf die Angebote zurückgreifen, in einer anderen nicht.

In Österreich, Dänemark sowie in Deutschland sind demenzspezifische ambulante Angebote flächendeckend verbreitet, allerdings fehlt es an umfänglichen stationären Angeboten für Personen mit Demenz. Staatenübergreifende Konzepte hätten hier das Potential, Versorgungsungleichheiten zwischen den Ländern aufzufangen. So schrieben Jessica Monsees und Jochen René Thyrian vom German Center for Neurodegenerative Diseases in ihrem Beitrag „Structures for the care of people with dementia: a European comparison” im November 2022 ganz konkret:   

„The EU, in cooperation with care planners, research institutions, care providers, and patient organisations, should develop European care guidelines or dementia plans that contain concrete measures, schedules, and budgets.”, übersetzt also: „Die EU sollte in Zusammenarbeit mit Pflegeplaner:innen, Forschungseinrichtungen, Leistungserbringern und Patientenorganisationen europäische Pflegeleitlinien bzw. Demenzpläne entwickeln, die konkrete Maßnahmen, Zeitpläne und Budgets enthalten.“

Europäischer Vergleich: Der Dementia Monitor als Wegweiser

Mit dem Dementia Monitor verfolgt die Organisation Alzheimer Europe das Ziel, Herausforderungen in den verschiedenen Gesundheitssystemen Europas zu identifizieren, Unterschiede sichtbar zu machen und Lösungen aufzuzeigen.

So soll sich die Lebensqualität der Menschen mit Demenz sowie die der Angehörigen verbessern. Der European Dementia Monitor 2023 vergleicht zehn Dimensionen der Demenzpolitik, etwa Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit von Pflege, klinische Studien, Forschung und differenzierte Unterstützungssysteme. Hier die Ergebnisse in aller Kürze:

  • Luxemburg: Beste Versorgung im Bereich Verfügbarkeit.
  • Norwegen: Beste Erschwinglichkeit für Betroffene und Angehörige.
  • Schweden: Beste Erstattung medizinischer Interventionen.
  • Frankreich: Führend bei klinischen Studien.
  • Deutschland, Frankreich und die Niederlande: Besonders aktiv in europäischen Forschungszusammenarbeiten.

Im Gesamtranking schneiden vor allem die Niederlande, Schottland (UK) und Tschechien gut ab. Die genannten Länder haben die demenzfreundlichste Politik auf europäischer Ebene. Nordmazedonien, Bulgarien und Rumänien haben dagegen Verbesserungspotential: Sie müssen die größten Fortschritte und Reformen hin zu einer demenzfreundlichen Politik durchführen, um die Lücke zu den europäischen Vorreitern zu schließen. 

Eines wird nach Sichtung der aktuellen Informationen besonders deutlich: Trotz Fortschritten bestehen klare Unterschiede zwischen den westlichen und östlichen Teilen Europas. Bildhaft machen das Karten, welche den ermittelten Gesamtscore für erfolgreiche Demenzpolitik europäischer Länder zeigen:

Übersicht des Gesamtscores für erfolgreiche Demenzpolitik europäischer Länder. Quelle: Alzheimer Europe

Was macht die Länder so erfolgreich bei der Demenzpolitik? 

Konkrete Beispiele guter und besonders praxisnaher Versorgungsmodelle:

Niederlande: Bei Anzeichen einer Demenz stehen in nahezu jedem Krankenhaus Neurolog:innen oder Geriater:innen als Ansprechpartner:innen zur Verfügung. In den Niederlanden gibt es zudem beinahe 100 spezialisierte Gedächtniskliniken. In größeren Städten sind stationäre Pflegeeinrichtungen vorhanden, Menschen in ländlichen Regionen müssen meist etwas länger „anreisen“. Landesweit sorgen Pflegedienste und spezielle Informationsstellen dafür, dass Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen passende Unterstützung erhalten. Außerdem gibt es „demenzfreundliche Gemeinden“ inkl. demenzsensibler spezieller Supermärkte.

Dänemark: In Dänemark gibt es keine losgelösten, flächendeckenden Spezialdienste für Menschen mit Demenz. Stattdessen liegt der Schwerpunkt darauf, bestehende Krankenhäuser und andere Einrichtungen so auszurichten, dass sie demenzfreundlich sind. Jede der fünf Regionen verfügt über Ambulanzen, die sich auf Gedächtnis- und Denkstörungen spezialisiert haben. Nach einer Diagnose erfolgt die Weiterbetreuung über das öffentliche System. Dabei werden die Demenzkoordinator:innen in den Kommunen informiert und können Kontakt zu den Patient:innen aufnehmen, sie organisieren dann Unterstützungen – das ist ein freiwilliges Angebot. Auf diese Weise sind Menschen mit Demenz weitgehend in das reguläre Gesundheitssystem integriert.

Besondere Schwerpunkte sind:

  • die Einrichtung und Unterstützung von demenzfreundlichen Krankenhäusern
  • das flächendeckende Informationsangebot über Demenz in mehreren Sprachen durch Gedächtniskliniken und die Alzheimer-Gesellschaft
  • die Einbindung von Menschen mit Demenz als Berater:innen in Projekten, um deren Perspektive bei der Entwicklung von Angeboten zu berücksichtigen

Luxemburg: Per Gesetz muss 40 % des Personals in ambulanten und stationären Einrichtungen eine spezielle Schulung zur Alterspsychiatrie absolvieren. Dadurch wird gewährleistet, dass das Personal über die nötigen Kenntnisse verfügt, um Menschen mit Demenz professionell zu unterstützen. Landesweit stehen Informationsangebote bereit, wobei das Info-Zenter Demenz und die Association Luxembourg Alzheimer zentrale Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige sind.

Gut zu wissen!
Eine Gedächtnisklinik, oft auch als Memory Clinic oder Gedächtnisambulanz bezeichnet, ist eine spezialisierte medizinische Einrichtung, die sich mit der Abklärung, Diagnose und Begleitung von Gedächtnis- und Denkstörungen befasst – sie ist eine wichtige Kontaktstelle für Menschen mit Demenz

Wie ein Medikament die Demenzversorgung weltweit voranbringt

Nun blicken wir über die Grenzen Europas hinaus, denn die Zulassung des neuen Medikaments namens Lecanemab (Handelsname:  Leqembi) stellt weltweit einen Meilenstein dar. Es ist das erste krankheitsmodifizierende Alzheimer-Medikament, das Symptome nicht nur lindert, sondern das Fortschreiten der Krankheit auch verlangsamen kann.

Region / Land Zulassungsdatum Besonderheiten
USA 6. Jan 2023 (Accelerated)
6. Jul 2023 (Vollzulassung)
Erstes krankheitsmodifizierendes Alzheimer-Medikament in den USA
EU (gesamt) 15. Apr 2025 Erstzulassung in der EU für frühe Alzheimer-Stadien
Österreich 25. Aug 2025 Markteinführung
Deutschland 1. Sep 2025 Markteinführung
UK (England, Schottland, Wales) August 2024 Zulassung, aber kostspielig und nur eingeschränkt anwendbar
Japan, China, Südkorea, Hongkong, Israel, VAE vor April 2025 (je nach Land) Bereits zugelassen
Mexiko Dezember 2024 Zulassung
Australien Zulassung abgelehnt

Die Zulassung des Medikamentes ist nicht nur medizinisch relevant, sondern hat auch weitreichende Auswirkungen auf die verschiedenen Gesundheitssysteme der Welt und die Versorgung der Patient:innen vor Ort. Insbesondere bedeutet es für alle Länder eine umfassende Vorbereitung, beispielsweise hinsichtlich der Planung von Personalschulungen und der Schaffung engmaschiger medizinischer Versorgungsstrukturen für Personen mit (Alzheimer-)Demenz.

Quellen

Alzheimer's Disease International. European Commission approves first disease-modifying treatment for Alzheimer’s disease in the EU. Abgerufen am 03. September 2025, von: www.alzint.org/news-events/news/european-commission-approves-first-disease-modifying-treatment-for-alzheimers-disease-in-the-eu/

Alzheimer Europe. European Dementia Monitor 2023. Abgerufen am 03. September 2025, von: www.alzheimer-europe.org/sites/default/files/2023-12/307767_ALZHEIMER%20EUROPE%20_European%20Dementia%20Monitor_2023_V7.pdf

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz. Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen. Abgerufen am 03. September 2025, von: www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/factsheets/infoblatt1_haeufigkeit_demenzerkrankungen_dalzg.pdf

Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE). Faktenzentrale Demenz. Abgerufen am 03. September 2025, von: www.dzne.de/aktuelles/hintergrund/faktenzentrale/

German Center for Neurodegenerative Diseases. Structures for the care of people with dementia: a European comparison. Monsees J, Thyrian J R. Abgerufen am 03. September 2025, von: www.researchgate.net/publication/365556076_Structures_for_the_care_of_people_with_dementia_a_European_comparison

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