Ambulantes OP-Zentrum: Einblick in den Arbeitsalltag der Anästhesie-Pflege im Springerdienst

Veröffentlicht am 10.04.2026

Drei Personen stehen mit OP-Kleidung im Operationssaal.

Springer:innen im OP? In vielen Kliniken mittlerweile normal. Quelle: Canva

Während meines Aufenthalts in einer Berliner Klinik für einen ambulanten Eingriff hatte ich – bedingt durch eine unerwartete längere Operation vor meiner eigenen – Zeit, mich mit dem Pflegepersonal zu unterhalten. Ein Teil des Teams, Anästhesist und Anästhesiepfleger:innen, arbeiten nicht fest in dieser Klinik, sondern im sogenannten Springerdienst. Das heißt: Gemeinsam mit dem Anästhesisten sind Teile des Pflegepersonals in wechselnden Einsatzorten aktiv und arbeiten dort, wo sie gebraucht werden. Das folgende Gespräch stammt aus dem Gedächtnisprotokoll, denn außer rückenfreier Robe und Kopfhaube hatte ich leider nichts bei mir. Das Gespräch bietet dennoch einen guten Einblick in das genannte Arbeitsmodell. Die Gesprächsteilnehmenden wurden anonymisiert. 

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Pflegia-Redakteurin: Sie arbeiten heute hier, morgen vielleicht in einer ganz anderen Einrichtung. Was genau bedeutet es, im Springerdienst zu arbeiten?  

Anästhesie-Pflegekraft: Im Grunde sind wir ein mobiles OP-Team. Wir arbeiten mit Anästhesist:innen zusammen und werden von verschiedenen ambulanten OP-Zentren oder Kliniken gebucht. Wenn dort Personal fehlt oder zusätzliche Eingriffe geplant sind, kommen wir dazu. Das kann eine gynäkologische Praxis sein, ein Zentrum für plastische Chirurgie und so weiter. Der Einsatzort wechselt teilweise sogar täglich. 

Pflegia-Redakteurin: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Vorteile dieser Art zu arbeiten?  

Anna Liebig

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Anästhesie-Pflegekraft: Die Abwechslung ist sicherlich ein großer Pluspunkt. Wir sehen viele verschiedene Einrichtungen und Arbeitsweisen. Das erweitert den fachlichen Horizont. Außerdem ist die Bezahlung oft besser als in einer festen Anstellung, und wir haben mehr Einfluss auf unsere Einsatzplanung. Viele Kolleg:innen schätzen diese Flexibilität. 

Pflegia-Redakteurin: Und die Nachteile?  

Anästhesie-Pflegekraft: Man ist selten Teil eines festen Teams. In jeder Einrichtung gelten leicht andere Abläufe, andere Dokumentationssysteme oder Instrumentensets. Man muss sich also superschnell anpassen können. Außerdem fehlt manchmal das Gefühl von Zugehörigkeit, das man eher in einem festen Team entwickelt. Beziehungen zu Kolleg:innen bleiben daher leider oft oberflächlicher. 

Pflegia-Redakteurin: Wie wirkt sich dieses Modell auf den Arbeitsalltag im OP aus?  

Anästhesie-Pflegekraft: Man muss sehr strukturiert arbeiten. Wenn man morgens in eine neue Einrichtung kommt, hat man wenig Zeit für lange Einweisungen. Deshalb ist Erfahrung entscheidend. Viele Springerkräfte haben mehrere Jahre OP-Erfahrung, bevor sie in dieses Modell wechseln. Routine hilft, sich schnell zurechtzufinden. 

Pflegia-Redakteurin: Wie reagieren die festen Teams in den Einrichtungen auf Sie?  

Anästhesie-Pflegekraft: Das ist unterschiedlich. In manchen Häusern sind Springer:innen längst Teil der Planung und werden wie selbstverständlich integriert. In anderen Häusern merkt man, dass die festen Teams lieber mit bekannten Kolleg:innen arbeiten würden. Das ist verständlich, weil Vertrauen im OP sehr wichtig ist. Aber meistens funktioniert die Zusammenarbeit gut, weil alle wissen, dass es ohne zusätzliche Kräfte oft schwierig wäre, den Betrieb aufrechtzuerhalten.  

Pflegia-Redakteurin: Welche Fähigkeiten braucht man für diese Art der Arbeit?  

Anästhesie-Pflegekraft: Einige! Vor allem aber Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit. Man muss schnell erfassen, wie ein Team arbeitet, und sich darauf einstellen. Gleichzeitig darf man keine Scheu haben, nachzufragen, wenn etwas unklar ist. Die Sicherheit der Patient:innen steht immer an erster Stelle.  

Pflegia-Redakteurin: Würden Sie dieses Modell langfristig empfehlen?  

Anästhesie-Pflegekraft: Für viele ist es tatsächlich nur eine Phase im Berufsleben. Manche aber bleiben dauerhaft dabei, weil sie die Abwechslung sehr schätzen. Andere wechseln irgendwann wieder in eine feste Stelle, weil sie sich wieder mehr Stabilität wünschen. Beides hat seine Berechtigung.  

Pflegia-Redakteurin: Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie selten Teil eines festen Teams sind. Wie wirkt sich dies auf das Miteinander im Arbeitsalltag aus?  

Anästhesie-Pflegekraft: Das ist wahrscheinlich einer der schwierigsten Punkte. In einem festen Team entwickelt sich, in der Regel, mit der Zeit ein starkes Wir-Gefühl. Man kennt die Arbeitsweise der anderen, weiß, wer in welcher Situation wie reagiert. Als Springer:innen erleben wir das nur begrenzt. Wir kommen in ein Haus, arbeiten ein paar Stunden oder einen Tag lang zusammen und gehen wieder. Das erschwert tiefe Verbindungen zueinander. Immerhin: Es gibt auch Kliniken, in denen wir regelmäßig sind. Fast jede Woche.   

Pflegia-Redakteurin: Zum Thema „fehlendes Wir-Gefühl“: Ist das ein Problem im OP selbst?  

Anästhesie-Pflegekraft: Manchmal ja. In eingespielten Teams laufen viele Dinge fast automatisch. Man reicht Instrumente, ohne viel erklären zu müssen, und versteht sich oft mit wenigen Blicken. Wenn Teams ständig wechseln, muss vieles ausgesprochen werden. Das funktioniert auch, kostet aber einfach mehr Energie und Aufmerksamkeit. 

Pflegia-Redakteurin: Und außerhalb des OPs? 

Anästhesie-Pflegekraft: Dass man als Pflegekraft sehr viel Verantwortung trägt, wird tatsächlich vor allem nach den Operationen deutlich. Denn: Sobald ein Eingriff beendet ist und der:die Patient:in in den Aufwachraum gebracht wird, beginnt für uns Pflegende eine sehr wichtige Phase. Wir überwachen Atmung, Kreislauf, Schmerzlevel und das allgemeine Befinden.

In dieser Zeit entscheidet sich, ob jemand stabil genug ist, um bald nach Hause zu gehen. Die Ärzt:innen sind dann manchmal gar nicht mehr direkt vor Ort bzw. nur noch für Notsituationen abrufbereit und irgendwo anders auf dem Klinikgelände unterwegs.  

Pflegia-Redakteurin: Dann sind Sie die Hauptansprechperson für die Patient:innen, richtig?  

Anästhesie-Pflegekraft:  Das ist so. Häufig gehen Operateur:innen und auch die Anästhesieärzteschaft nicht lange nach dem Eingriff weiter. Manche haben noch eine weitere Operation geplant, andere wechseln in eine Sprechstunde oder beenden ihren Arbeitstag. Also, die Anästhesist:innen sind in der Regel nicht mehr lange mit im Aufwachraum.  

Pflegia-Redakteurin: Das heißt, Sie betreuen die Patient:innen nach der OP weitestgehend allein?  

Anästhesie-Pflegekraft: In vielen Situationen ja. Natürlich gibt es klare medizinische Vorgaben und Ansprechpartner:innen, die man im Zweifel kontaktieren kann. Aber praktisch gesehen sitzt man oft im Aufwachraum und trägt die Verantwortung für mehrere frisch operierte Menschen gleichzeitig. Wenn alles ruhig verläuft, ist das gut zu bewältigen. Schwieriger wird es, wenn jemand stärker auf die Narkose reagiert oder Schmerzen hat.  

Pflegia-Redakteurin: Wie häufig kommt es zu solchen Situationen?  

Anästhesie-Pflegekraft: Die meisten Aufwachphasen verlaufen tatsächlich unkompliziert. Viele Patient:innen sind nach ein bis zwei Stunden stabil genug, um nach Hause entlassen zu werden. Das ist bei kleineren ambulanten Eingriffen mit Narkose auch das Ziel. Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, in denen der Körper länger braucht, um sich von der Narkose zu erholen.  

Pflegia-Redakteurin: Was bedeutet das konkret für Ihren Arbeitstag?  

Anästhesie-Pflegekraft: Wenn sich die Aufwachphase verlängert, bleibt die Pflegekraft länger. Patient:innen dürfen erst gehen, wenn sie stabil sind – das betrifft Kreislauf, Orientierung, Schmerzlevel und einige andere Kriterien. Manchmal dauert das drei oder vier Stunden. In dieser Zeit kann man die Betreuung natürlich nicht einfach abbrechen und nach Hause gehen. Ich bin somit oft die letzte, die geht.   

Pflegia-Redakteurin: Führt das häufig zu Überstunden?  

Anästhesie-Pflegekraft: Ja klar, das kommt vor. Der OP-Plan ist meist sehr eng getaktet, und unsere Arbeitszeiten orientieren sich daran. Wenn sich die Entlassung verzögert, bleibt jemand aus dem Pflegeteam länger, bis alles wirklich sicher ist. Gerade in ambulanten Einrichtungen gibt es oft keinen großen Personalpuffer.  

Pflegia-Redakteurin: Wie wirkt sich diese Situation emotional auf das Pflegepersonal aus?  

Anästhesie-Pflegekraft: Manchmal ist es belastend. Nach einem komplizierten oder heiklen Eingriff sitzt man mit der Verantwortung im Aufwachraum und weiß, dass die Operateur:innen und Anästhesist:innen bereits unterwegs zum nächsten Termin sind oder ihren Arbeitstag beendet haben. Man ist ausgebildet und weiß, was zu tun ist. Trotzdem wäre es in manchen Momenten beruhigend, mehr unmittelbare Unterstützung zu haben.  

Pflegia-Redakteurin: Wird diese Situation innerhalb der Teams offen thematisiert?  

Anästhesie-Pflegekraft: Ja, durchaus. Viele Einrichtungen versuchen inzwischen, die Abläufe besser zu strukturieren oder zusätzliche Rücksprachemöglichkeiten zu schaffen. Aber die Realität des ambulanten Systems bleibt: Operationen werden nicht selten von mobilen Teams durchgeführt, und der Zeitdruck ist hoch. Für die Pflege bedeutet das, viel Verantwortung zu tragen und gleichzeitig flexibel zu bleiben.  

Pflegia-Redakteurin: Was hilft Ihnen persönlich, mit diesen Anforderungen umzugehen?  

Anästhesie-Pflegekraft: Erfahrung und gegenseitige Unterstützung im Pflegeteam. Auch wenn wir nicht immer ein dauerhaftes Team sind, entsteht insbesondere unter Pflegekräften schnell eine Art kollegiales Verständnis. Man weiß, dass die anderen ähnliche Situationen kennen. Dieses Wissen hilft, auch anspruchsvolle Tage gut zu bewältigen. Wir alle brauchen uns.   

Pflegia-Redakteurin: Schön gesagt! Vielen Dank für all die Informationen.  

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Im Gespräch mit der Anästhesie-Pflegekraft wurde deutlich, wie stark ambulante OP-Strukturen inzwischen auf flexible Personallösungen angewiesen sind. Der Springerdienst bietet Fachkräften größere Freiräume, verlangt gleichzeitig jedoch ein hohes Maß an Erfahrung, Anpassungsfähigkeit und professioneller Routine. –

Welche persönlichen Erfahrungen habt ihr in ambulanten OP-Zentren gemacht? Wir freuen uns auf eure Zuschriften.

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