Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte in Europa - Inspirationen von nebenan
Veröffentlicht am 13.05.2025
Quelle: canva.com
Es gibt vieles, was in Deutschland gut läuft. Mit Blick auf die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte in Deutschland allerdings drängt Jahr um Jahr zunehmend der Handlungs- und Veränderungsbedarf. Der häufig zitierte Fachkräftemangel, die hohe Arbeitsbelastung und die unzureichende Anerkennung der Pflegeberufe stellen bedeutende und vor allem auch anhaltende Herausforderungen dar. Oder in den Worten von Prof. Karl Lauterbach:
„Der Wunsch nach einer angemessenen Bezahlung, einer am Pflegeaufwand ausgerichteten Personaldecke und einer besseren digitalen Ausstattung ist berechtigt. Ökonomische Zwänge bestimmen den Alltag der Menschen zu stark. Der Mensch und die Zuwendung müssen auch Zeit und Platz haben. Niemand will im Akkord arbeiten. Erst recht nicht in der Pflege. Wir haben die Bezahlung auf Tarifniveau in der Langzeitpflege zur Pflicht gemacht. Jetzt müssen die Arbeitsbedingungen besser werden. Wir treffen klare bundeseinheitliche Vorgaben zur Personalbemessung und digitalisieren das Gesundheitswesen. Damit nehmen wir Druck von den Pflegenden. Aber auch die Arbeitgeber müssen mehr tun, um Fach- und Hilfskräfte zu halten. Pflegekräfte brauchen Wertschätzung, Mitspracherechte, ein respektvolles Arbeitsklima und Rücksicht auf ihre familiäre Situation.“ (BMG 2023)
Es lohnt daher der Blick in andere Länder Europas und die Frage: Welche Lösungen wurden hier bereits gefunden , erprobt und für gut befunden?
Um neues Personal zu gewinnen und bestehende Mitarbeitende zu halten, müssen Krankenhäuser stets an ihrer Attraktivität arbeiten. Ein beispielhaft gutes Arbeitszeitmodell in Schweden ist so geregelt, dass Beschäftigte drei Tage arbeiten und anschließend drei Tage frei haben. Dieses sogenannte „3+3"-Modell wurde an mehreren Einrichtungen, z. B. am Karolinska-Universitätskrankenhaus in Stockholm sowie am Universitätsklinikum Linköping getestet.
Das genannte Modell umfasst eine 85-Prozent-Anstellung mit einem Gehalt auf Vollzeitbasis, ohne zusätzliche Wochenendzuschläge. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Mitarbeitenden durch diese Regelung besser erholen, was zu einer Reduzierung der Krankheitstage um über 40 Prozent führt. Nochmal: 40 Prozent!
Zudem entfällt mehr als die Hälfte der Überstunden, da die Arbeitszeiten etwas länger sind. Dies führt nicht nur zu einer besseren „Work-Life-Balance“ für die Angestellten, sondern auch zu erheblichen Einsparungen bei den Recruiting-Kosten für die Arbeitgebenden, da die Fluktuation deutlich abnimmt.
Anna Liebig
Pflegia Karriereberaterin
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England (UK) und das hohe Ansehen der Pflegekräfte
Pflegekräfte in England sehen sich als eine gefestigte und homogene Berufsgruppe, die auf Augenhöhe mit anderen Berufen agiert und in ihrer Tätigkeit selbstständig Entscheidungen treffen darf. Sie tragen die Verantwortung für ihr Handeln auf der Station eigenständig. Während in Deutschland das Konzept des lebenslangen Lernens oft mit medizinischem Personal in Verbindung gebracht wird, erstreckt es sich in England ebenfalls auf die Pflegekräfte. Dadurch sind sie auch in Bezug auf Fort- und Weiterbildungen gleichwertig mit den Mediziner:innen. Diese Gleichstellung verleiht ihnen in der Gesellschaft ein hohes Ansehen.
„All das haben wir im Grunde der Pflegekammer zu verdanken. In England gibt es sie bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts.“, fasste Sabine Torgler 2018 in einem Interview mit Bianca Flachenecker vom Health & Care Management Magazin zusammen. – Frau Torgler praktiziert als Pflegefachkraft in ihrer Wahlheimat England. Vor Ort merke sie immer wieder die positiven Auswirkungen einer Pflegekammer auf ihre Profession.
Auch wenn das Konzept Pflegekammer nicht frei von Kritik ist und (wenn überhaupt) nur mit viel Geduld, langem Atmen und Reformen flächendeckend in Deutschland umsetzbar ist, steht Frau Torgler und der Großteil Ihrer Kolleg:innen hinter dem Konzept und führt weiter aus:
„In England darf man auch ohne eine Mitgliedschaft gar nicht praktizieren. Sie überprüft nämlich auch die Berufsqualifikation. Dass dafür ein Beitrag bezahlt werden muss, wird überhaupt nicht in Frage gestellt. Mein Mitgliedsbeitrag beträgt z. B. 125 Pfund im Jahr, das sind rund 10 Pfund im Monat – ähnlich wie in Deutschland. Dafür habe ich eine Berufsorganisation hinter mir, die mich bei Fragen unterstützt, meiner Profession eine Berufsordnung gibt und auch die Weiterbildung regelt.“ (Torgler 2018)
Norwegen und das Beveridge Modell
Es gibt drei grundlegende Modelle für Gesundheitssysteme: das Beveridge Modell (Atlantik-Modell), das Bismarck-Modell (Kontinental-Modell) und das Semashko-Modell (Osteuropäisches Modell), sowie eine besondere Form, das vollständig privat finanzierte amerikanische Modell. Norwegen folgt dem Beveridge Modell. Dieses Modell bietet eine Vollversicherung für alle Bürger:innen mit finanzieller Eigenbeteiligung. Die Gesundheitsleistungen werden über Pauschalen finanziert und aus Steuermitteln bereitgestellt. Das System ist zentral vom Staat gesteuert und basiert auf Solidarität.
Vorteile des Beveridge Modells
Alle Bürger:innen tragen über Steuern zum System bei, was Ungleichheiten reduziert und Lobbyismus minimiert. Geringverdienende sind ebenfalls gut versorgt. Die Patient:innen profitieren von einer individuelleren Betreuung durch vergleichsweise geringen Druck in den Kliniken bzw. Krankenhäusern. Nicht zuletzt können die Versicherten ihr Krankenhaus selbst auswählen.
Staatliche Regulierungen können Leistungen einschränken, etwa bei teuren Medikamenten. Auch ist der Zugang zu alternativen Heilmethoden limitiert. Sinkende Steuereinnahmen könnten die Eigenbeteiligung erhöhen und es entstehen teils lange Wartezeiten für nicht akute Fälle. Zudem gibt es eine begrenzte Auswahl an Medikamenten und Behandlungsmöglichkeiten, mit möglichen Verzögerungen bei neuen Zulassungen. Zahnärztliche Leistungen werden nur für Personen bis 18 Jahre übernommen, und es können Herausforderungen bei seltenen Krankheiten auftreten, mit Blick auf (noch) nicht zugelassene Medikamente.
Für Versicherte halten sich Vor- und Nachteile die Waage. Für Personen, die in Medizin und Pflege beschäftigt sind, ist sicherlich der im Vergleich zur Deutschland geringere Zeit- und Abrechnungsdruck vor Ort am relevantesten.
Fazit
In den europäischen Ländern erfolgt die medizinische und pflegerische Versorgung der Bürger:innen auf Basis verschiedener Modelle und Ansätze. Ob die Vorteile der jeweiligen Modelle und Ansätze auch in Deutschland zum Tragen kommen können, ist eine Frage der Veränderungsakzeptanz in der Gesellschaft und eine Frage politischer Konsequenz bzw. Stringenz. Ansätze und Modelle anderer Länder lassen sich in der Regel nicht 1:1 für Deutschland übernehmen. Dafür sind Gesellschaften und politische Systeme zu komplex. Jedoch bieten die Impulse aus anderen Ländern wertvolle Einblicke und laden hierzulande zum Um- bzw. zum Weiterdenken der Konzepte ein. Fest steht, die aktuellen Systeme der Gesundheitsversorgung und Pflege sind kaum noch akzeptabel und werden mittlerweile über alle Maße hinaus auf dem Rücken des Medizin- und Pflegepersonals am Laufen gehalten.
Quellen:
Bundesministerium für Gesundheit (BMG). (2023). Studie zur Zufriedenheit im Job: Pflegekräfte wollen eine angemessene Bezahlung, mehr Kolleginnen und Kollegen und digitale Entlastung. Abgerufen am 12. Mai 2025, von https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/tag-der-pflegenden.html
Flachenecker, B., & Torgler, S. (2018). Was eine deutsche Pflegefachkraft, die in England arbeitet, über die Pflegekammerentwicklung in Deutschland denkt. Abgerufen am 12. Mai 2025, von https://www.hcm-magazin.de/was-eine-deutsche-pflegefachkraft-die-in-england-arbeitet-ueber-die-pflegekammerentwicklung-in-deutschland-denkt-265978/
Schmidt, M. (2018). Das norwegische Gesundheitssystem. Abgerufen am 12. Mai 2025, von https://www.norwegenservice.net/das-norwegische-gesundheitssystem
Tauchert, A. (2016). Innovative Konzepte aus Skandinavien. Abgerufen am 12. Mai 2025, von https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Innovative-Konzepte-aus-Skandinavien-308791.html