Corona-Enquete Kommission: darum sind Pflegefachkräfte unverzichtbar
Veröffentlicht am 17.09.2025
Pflegefachkräfte helfen mit ihren Erfahrungen, künftige Krisensituationen besser aufzufangen. Quelle: Canva.de
Die Einsetzung einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie ist ein wichtiger Schritt, um Fehler der Vergangenheit zu analysieren und Lehren für die Zukunft zu ziehen. Ziel ist es, die politischen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Maßnahmen während der Pandemie kritisch zu prüfen und Handlungsempfehlungen für künftige Krisen abzuleiten. Doch ein entscheidendes Manko wurde bereits bei der Zusammensetzung der Kommission sichtbar: Vertreter:innen der Pflege sind nicht einbezogen. Und das, obwohl Pflegefachpersonen während der Pandemie eine tragende Rolle spielten.
Im Folgenden zeigen wir auf, warum die Pflege in der Enquete-Kommission unverzichtbar ist und welche Missstände während der Pandemie gerade in diesem Bereich sichtbar wurden. Außerdem: Internationale Beispiele, die zeigen, dass eine stärkere Einbindung von Pflegeexpertise unerlässlich ist.
Pflege in der Pandemie – systemrelevant, aber unsichtbar
Mit über 1,7 Millionen Beschäftigten in Deutschland stellt die Pflege laut dem Statistischem Bundesamt die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen da. Ob in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder im ambulanten Bereich – Pflegekräfte waren während der Pandemie an vorderster Front im Einsatz. Sie versorgten schwerkranke COVID-19-Betroffene auf Intensivstationen, betreuten hochvulnerable Bewohner:innen in Alten- und Pflegeheimen und hielten trotz Personalknappheit und Infektionsrisiken den Betrieb aufrecht.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betonte früh, dass ohne die Pflege eine adäquate Pandemiebewältigung nicht möglich sei. Dennoch blieb die Berufsgruppe in der politischen Entscheidungsfindung weitgehend ungehört. Studien zeigen, dass Pflegekräfte weltweit überdurchschnittlich stark von Infektionen, psychischer Belastung und Burnout betroffen waren. In Deutschland berichteten Pflegekräfte insbesondere von mangelnder Schutzausrüstung, fehlenden Teststrategien und unzureichender politischer Unterstützung.
Anna Liebig
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Besonders dramatisch war die Situation in Pflegeheimen: Laut Robert Koch-Institut (RKI) entfielen in der ersten Welle fast 40 % aller COVID-19-Todesfälle auf Pflegebetroffene stationärer Einrichtungen. Diese Zahlen verdeutlichen die Schlüsselrolle der Pflege und zugleich die verheerenden Folgen, wenn ihre Stimme in der Krisensteuerung fehlt.
Was während der Pandemie schiefgelaufen ist
Es gibt eine Vielzahl von Ansatzpunkten, die als Lehre aus der Pandemie gezogen werden können. In den folgenden Handlungsbereichen, hätte es deutlich besser laufen können und müssen:
Mangelhafte Ausstattung und fehlende Schutzstrategien
In den ersten Monaten der Pandemie litten Pflegekräfte unter massiven Engpässen bei persönlicher Schutzausrüstung (PSA). Während in Krankenhäusern zumindest nach und nach Masken und Schutzkleidung verfügbar waren, blieben viele Pflegeheime und ambulante Dienste Erhebungen zufolge unzureichend versorgt. Dies führte zu hohen Infektionsraten unter Pflegekräften und den zu Pflegenden.
Besuchsverbote und soziale Isolation
Besonders einschneidend waren die Besuchsverbote in Pflegeheimen. Um zu Pflegende zu schützen, wurde deren soziale Teilhabe über Monate hinweg massiv eingeschränkt. Studien zeigen, dass diese Isolation zu Einsamkeit, depressiven Symptomen und kognitivem Abbau geführt hat. Pflegekräfte standen dabei oft zwischen den Fronten. Sie mussten Maßnahmen durchsetzen, die sie selbst als unethisch empfanden, und zugleich die psychischen Folgen bei den Bewohner:innen auffangen.
Arbeitsbedingungen und Personalmangel
Die Pandemie verschärfte die ohnehin angespannte Personalsituation in der Pflege. Viele Pflegekräfte fielen aufgrund von Infektionen oder Quarantäne aus, während die Belastung für die verbliebenen Beschäftigten stieg. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung gaben 73 % der Pflegekräfte an, dass ihre Arbeitsbelastung während der Pandemie deutlich zugenommen habe. Bereits im Jahr 2021 äußerte jede dritte Pflegekraft den Wunsch, den Beruf zu verlassen.
Psychosoziale Folgen und fehlende Unterstützung
Neben körperlicher Erschöpfung waren die psychischen Belastungen enorm. Pflegekräfte litten unter der ständigen Angst vor Infektion, der Verantwortung für vulnerable zu Pflegende und den traumatischen Erfahrungen von Leid und Tod. Internationale Studien dokumentieren erhöhte Raten von Angststörungen, Depressionen und posttraumatischen Belastungssymptomen. Unterstützungsangebote waren in Deutschland kaum systematisch vorhanden.
Warum die Pflege in die Enquete-Kommission gehört
Die Aufarbeitung der Pandemie ohne die Perspektive der Pflege bleibt unvollständig. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Pflege als größte Berufsgruppe: Pflegekräfte stellen das Rückgrat der Versorgung dar. Sie verfügen über Erfahrungen aus allen Versorgungssektoren – von der Intensivstation bis zur ambulanten Pflege.
Praxisnahe Expertise: Pflegekräfte waren in direktem Kontakt mit Patient:innen, Bewohner:innen und Angehörigen. Ihre Beobachtungen sind entscheidend, um Versorgungsdefizite und ethische Konflikte zu verstehen.
Frühwarnsystem im Krisenmanagement: Pflegekräfte registrieren Engpässe, Versorgungsprobleme und Belastungsgrenzen oft zuerst. Ihre Einbindung könnte helfen, Krisenstrategien realitätsnäher zu gestalten.
Demokratisch-ethische Dimension: Die Einbeziehung der Betroffenen ist ein Grundprinzip guter Politik. Eine Kommission ohne Pflegeexpertise reproduziert strukturelle Marginalisierung und schwächt die Legitimität ihrer Ergebnisse.
Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) kritisierte daher zu Recht die Zusammensetzung der Kommission und forderte, die Pflege zwingend einzubeziehen.
Internationale Vergleiche
Ein Blick ins Ausland zeigt, dass eine stärkere Einbindung der Pflege nicht nur möglich, sondern auch erfolgreich ist.
Kanada: Die Canadian Nurses Association war Teil der nationalen Beratungsgremien und konnte Empfehlungen zu Schutzstrategien und Arbeitsbedingungen einbringen.
Vereinigtes Königreich: In Großbritannien wurden Pflegeexpert:innen in die Scientific Advisory Group for Emergencies (SAGE) berufen – darüber berichteten verschiedene Quellen. Damit floss pflegerische Praxisexpertise in die nationale Entscheidungsfindung ein.
Australien: Pflegekammern und Verbände wirkten dem Australian Government Department of Health zufolge aktiv an der Entwicklung nationaler Leitlinien für Altenpflege während COVID-19 mit.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass Länder, die Pflegeexpertise systematisch einbinden, besser aufgestellt sind, um Maßnahmen praxisnah und wirksam umzusetzen. Deutschland hingegen verpasste diese Chance – und riskiert nun, in der Aufarbeitung erneut ohne diese entscheidende Perspektive auszukommen.
Forderungen und Ausblick
Die Corona-Enquete sollte nicht an der Realität der größten Berufsgruppe im Gesundheitswesen vorbeigehen. Konkrete Forderungen lauten:
Institutionelle Einbindung von Pflegeverbänden und Kammern in die Kommission sowie in künftige Krisenstäbe.
Aufbau systematischer Krisenpläne für Pflegeeinrichtungen, inklusive klarer Schutzstrategien und Ressourcenreserven.
Stärkung der psychosozialen Unterstützung für Pflegekräfte in Krisensituationen.
Nachhaltige Personalstrategien, die Pflegeberufe attraktiver machen und Abwanderung verhindern.
Integration von Pflegeexpertise in Public-Health-Strategien, um Versorgungssicherheit und ethische Standards zu gewährleisten.
Die Aufarbeitung der Pandemie bietet die Chance, Strukturen langfristig zu verbessern. Ohne die Pflege wird diese Chance jedoch vertan.
Die Corona-Pandemie hat wie unter einem Brennglas gezeigt, wie unverzichtbar die Pflege für das Funktionieren des Gesundheitssystems ist. Pflegekräfte haben unter extremen Bedingungen gearbeitet, oft ihre eigene Gesundheit riskiert und die Last eines unzureichend vorbereiteten Systems getragen. Dass sie nun in der politischen Aufarbeitung fehlen, ist nicht nur ein symbolisches Versäumnis, sondern gefährdet die Qualität der Lehren, die aus der Krise gezogen werden sollen.
Fazit
Eine Enquete-Kommission ohne Pflege bleibt unvollständig. Wer künftige Pandemien und Gesundheitskrisen besser bewältigen will, muss die Erfahrungen der Pflege ernst nehmen und ihre Stimme institutionell verankern. Ohne Pflege keine Resilienz – und ohne Resilienz kein lernendes Gesundheitssystem.
Doch aktuell droht genau das: Dass Pflegekräfte erneut übergangen werden. Damit sich das nicht wiederholt, braucht es öffentlichen Druck. Denn politische Entscheidungen werden nur dann geändert, wenn viele ihre Stimme erheben. Deshalb haben wir eine Petition gestartet, die genau das fordert: Pflegekräfte müssen Teil der Corona-Kommission werden.