Pflegefachkräfte und psychische Resilienz: Wie man mental stark bleibt

Veröffentlicht am 05.05.2025

Pflegekraft übt sich durch Yoga in psychischer Resilienz

Quelle: Pflegia

Die Folgen der Corona-Pandemie, chronischer Fachkräftemangel, regelmäßige Überstunden und Einsparmaßnahmen zerren an den Nerven von Pflegekräften. Aber auch das Leid von Patienten und Patientinnen sowie der Angehörigen geht nicht spurlos an den meisten vorbei. Hohe Anforderungen und Belastung im Pflegealltag können Pflegende stark belasten - dabei emphatisch und leistungsfähig zu bleiben, ist die hohe Kunst. Resilienz, also die Fähigkeit, schwierige Situationen zu meistern, ist in der Pflege daher besonders wichtig, um sich vor körperlicher und mentaler Überbelastung zu schützen. 

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Was man unter dem Begriff der Resilienz versteht, warum gerade Pflegefachkräfte resilient sein müssen und mit welchen Strategien Du resilienter werden kannst, erklären wir im folgenden Text. 

Definition: Was bedeutet Resilienz in der Pflege 

Sicherlich kennst Du Kollegen oder Kolleginnen, die scheinbar unberührt von den täglichen Belastungen im Pflegealltag ihre Arbeit ausführen und sich auch bei Stress nicht aus der Ruhe bringen lassen. In der Psychologie bezeichnet man diese Menschen als besonders resilient. Resilient zu handeln heißt, in stressigen Situationen ruhig zu bleiben, gut mit Leistungsdruck umzugehen und sich auch von schweren Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen.  

Der Begriff Resilienz stammt vom lateinischen Wort „resilere“ ab. Auf Deutsch übersetzt bedeutet dies so viel wie „abprallen“ oder „zurückspringen“. Der Psychologe und Wissenschaftler Raffael Kalisch vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz definiert Resilienz als die "Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach einer Krise." Resilienz ist also die Fähigkeit, mit Stress, Krisen und Schicksalsschlägen gut zu überstehen und idealerweise sogar gestärkt daraus hervorzugehen. In der Pflege ist Resilienz eine Voraussetzung für ein langes, gesundes Berufsleben.  

Anna Liebig

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Lange Zeit dachten Psychologen, Resilienz sei in erster Linie genetisch veranlagt. Tatsächlich ist es so, dass manche Menschen genetisch bedingt empfindlicher auf Stress reagieren als andere. Neben der Genetik spielen allerdings eine Reihe anderer Faktoren eine entscheidende Rolle. Wie resilient wir sind, hängt unter anderem davon ab, wie wir gelernt haben, mit Stress umzugehen, welche inneren Ressourcen wir entwickelt haben und ob wir stabile soziale Kontakte besitzen. Ein realistisches Selbstbild hilft, die eigenen Ziele besser einzuschätzen und sie zu erreichen. Selbstreflexion und Zuversicht machen uns zudem widerstandsfähiger.  

Die gute Nachricht: Wie Du im Berufsalltag als Pfleger:in mit Stress und hohem Druck umgehst, lässt sich erlernen und trainieren. Das Ziel aller Resilienz-Strategien ist es, die eigenen Fähigkeiten zu stärken, um Krisen im Alltag oder Beruf leichter bewältigen zu können. 

Warum Pflegekräfte besonders resilient sein müssen 

Arbeitsverdichtung, hoher Leistungsdruck und fehlendes Personal: Das alles hat das Stress-Level in den letzten Jahren im Bereich der Pflege noch stärker hochgeschraubt. Wie sehr, das zeigen Daten aus dem Psychreport der DAK für 2024. Demnach haben sich die Fehltage in der Arbeit aufgrund psychischer Erkrankungen in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Beschäftigte in der Altenpflege hatten demnach durchschnittlich 5,3 Fehltage pro Person aufgrund psychischer Erkrankungen, was 65 % über dem Durchschnitt aller Berufsgruppen liegt. Depressionen, Belastungsstörungen und Anpassungsstörungen waren die häufigsten Diagnosen. 

Zu ähnlichen Ergebnissen kam der Fehlzeiten-Report 2023 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Die Experten stellten in der Umfrage fest, dass Pflegefachkräfte besonders stark von psychischen Erkrankungen und dem Burn-out-Symptom betroffen sind. Im Zeitraum von 2012 bis 2022 stieg die Anzahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen im Gesundheits- und Sozialwesen um 48 Prozent - in Pflegeberufen ist dieser Anstieg noch deutlicher. Neben der Zahl der Erkrankten nimmt auch die Schwere und damit die Dauer der Arbeitsunfähigkeit zu.  

Weitere wissenschaftliche Studien zeigen, dass Pflegefachkräfte ein besonders hohes Risiko für Burn-out, Depressionen und emotionale Erschöpfung haben. Jede vierte Pflegefachkraft in Deutschland leidet laut dem Pflege-Report 2022 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zudem unter akuten Anzeichen von Erschöpfung und Überforderung.  

Verantwortlich dafür sind verschiedene Missstände in der Pflege:  

  • Zeitdruck und Personalmangel 
  • Emotionale Belastung durch Krankheit, Schmerz und Tod von Patienten und Patientinnen  
  • Wechselnde Schichten  
  • Fehlende Anerkennung von Vorgesetzten und geringe gesellschaftliche Wertschätzung 

Gerade im Bereich der Pflege ist Resilienz ein entscheidender psychologischer Schutzfaktor, der nicht nur die mentale Gesundheit der Pflegefachkräfte schützt, sondern auch die Qualität der Pflege sichert. Ohne gezielte Unterstützungs- und Präventionsmaßnahmen könnten langfristig viele Arbeitskräfte ausfallen - mit gravierenden Folgen für das Gesundheitssystem.  

Was Dich innerlich stark und widerstandsfähig macht - Praktische Tipps zur Resilienzstärkung

Eine gewisse Widerstandsfähigkeit ist im Pflegeberuf mit seinen vielen psychischen Belastungsmomenten besonders wertvoll. Zum Glück kann Resilienz gezielt gestärkt werden. Um in Zukunft gelassener zu reagieren und nach Rückschlägen schnell wieder zur inneren Balance zurückzukehren, probiere es doch mal mit folgenden Tipps.  

Diese Strategien können Dir dabei helfen, langfristig resilienter zu werden:    

1. Achte auf Deinen Körper und nehme Deine Gefühle ernst 

Da jeder Mensch anders auf belastende Situationen reagiert, sollten Pflegefachkräfte körperliche Stresssymptome unbedingt ernst nehmen. Herzklopfen, Magenbeschwerden, eine flache Atmung und Schlaflosigkeit sind typische Anzeichen von Stress. Je nachdem, wann die Symptome auftauchen, kannst Du den Ursachen entgegensteuern. Ist man als Pflegefachkraft in einer Situation überfordert, sollte man sich fragen, ob man kurz eine Pause braucht oder „durchpowern“ möchte. Beides ist in Ordnung. Grenzen setzen, wenn etwas zu viel wird und deutlich „Nein“-Sagen zu können sind Eigenschaften, die in der Pflege besonders wichtig sind. 

Grundsätzlich solltest Du alle Gefühle ernst nehmen und persönliche Warnsignale beachten. Emotionen sollten also unbedingt zugelassen werden, statt sie zu unterdrücken. In schwierigen Situationen im Pflegealltag hilft es Dir auf Dauer nicht, die Zähne zusammenzubeißen und immer alleine mit Herausforderungen zurechtzukommen. Hilfe holen ist nicht nur erlaubt, sondern besonders wichtig. 

Tipp: Was hat Dich heute aufgewühlt? Und wofür bist Du heute dankbar? Es kann helfen, Erlebnisse und Gedanken in einem Tagebuch festzuhalten. Negative und positive Erfahrungen können auf diese Weise besser wahrgenommen werden.  

2. Achtsamkeit und Entspannung 

Gerade als Pflegefachkraft bist Du immer wieder stressigen Situationen ausgesetzt. Achtsamkeit hilft dabei, in stressigen Situationen präsent zu bleiben, Gedanken nicht zu bewerten und Gefühle besser zu regulieren. Achtsamkeitsbasierte Programme und Entspannungsverfahren helfen Pflegekräften wissenschaftlichen zu Folge Stress und Burn-out signifikant reduzieren.  

Tipps: Regelmäßige Yoga- oder Meditationsübungen helfen zu entspannen und machen die Gedanken frei. Bereits 10 Minuten tägliche Achtsamkeits- oder Atem-Meditation können eine Wirkung zeigen (beispielsweise per App). 

3. Soziale Kontakte und Beziehungen pflegen 

Ein gutes Arbeitsverhältnis hilft beim Austausch und mit belastenden Arbeitssituationen besser umzugehen. Emotionale und praktische Unterstützung durch Kollegen und Kolleginnen, Familie oder Supervision wirkt als Puffer gegen Stress. Beziehungen zu Arbeitskollegen und -kolleginnen, die ähnliche berufliche Herausforderungen ausgesetzt sind, sind als Stütze im Pflegealltag unverzichtbar. Ein unterstützendes Netzwerk aus Kollegen, Freunden und Familie bietet in Akutsituationen zudem neue Perspektiven und verringert das Gefühl der Isolation. 

Tipp: Umgib Dich mit Menschen, die Dir guttun. Es ist vor allem das Team und ein starker Zusammenhalt, der Dir ermöglicht, Belastungssituationen zu meistern. Pflege die Beziehungen zu Deinen Mitarbeiter:innen und suche das Gespräch mit Deinen Kolleg:innen.  

4. Gesunde Routinen etablieren 

 Da der Pflegeberuf ein körperlich anstrengender Job ist, sollten Pflegefachkräfte ihre körperliche Gesundheit pflegen. Ausreichend Bewegung und gezielte Sportübungen sowie ausgleichende Hobbys wirken sich positiv auf Körper und Psyche aus. Schlaf ist einer der wichtigsten Faktoren zur Prävention von Überbelastung. Wer unter Schlafproblemen leidet, sollte auf elektronische Geräte im Schlafzimmer verzichten, störende Lichtquellen entfernen, regelmäßig Lüften und in eine gute Matratze investieren. Eine ausgewogene Ernährung hat zudem positive Auswirkungen auf den Darm und die Vielfalt des Mikrobioms. Die Vielfalt der Bakterien im Darm hat wiederum positive Auswirkungen auf unsere Stimmung. Vermeide Fertigprodukte und zu viel Zucker. Achte auf ausreichend Ballaststoffe in Vollkornprodukten, Obst, Gemüse und Nüssen. 

Tipps: Versuche, auch bei Schichtdiensten eine gesunde Schlafhygiene zu pflegen. Halte Dich an feste Einschlaf- und Aufwachzeiten und integriere ausreichend Bewegung in Deinen Alltag. Versuche zudem auch in stressigen Phasen weiter aktiv am Leben teilzuhaben. Hobbys und ausgleichende Aktivitäten helfen, das Gedankenkarussell zu verlassen und Ressourcen aufzubauen.  

5. Sinn erleben und reflektieren 

Resiliente Pflegefachkräfte berichten häufig davon, in ihrer Arbeit einen tiefen Sinn zu sehen. Die bewusste Reflexion über die Bedeutung der eigenen Tätigkeit kann motivierend wirken und schütz Dich vor innerer Distanzierung. Auch wenn es Dir in Krisensituationen schwerfällt, zuversichtlich zu bleiben, hilft eine positive Einstellung mit den Anforderungen besser umzugehen. Versuche, das zu ändern, was Du ändern kannst - und aus dem Rest machst Du das Beste.  

Tipp: Mache Dir bewusst, dass Du einer Situation nicht ganz und gar machtlos ausgeliefert bist. Kannst Du Herausforderungen nicht alleine bewältigen, solltest Du Dir Hilfe suchen und nach professioneller Unterstützung fragen.   

Grenzen der Resilienz - Resilient durch den Pflegealltag 

Resilient sein heißt nicht, immer mehr zu leisten, sich ständig zu verbiegen oder anspruchsvolle Umstände einfach hinzunehmen. Resilient sein heißt auch, Grenzen zu ziehen, wenn die Belastung für Dich zu hoch wird. Gerade strukturelle Probleme in der Pflege, die jenseits Deiner Verantwortung liegen, müssen auch strukturell gelöst werden. Wird Dir die Arbeitsbelastung zu hoch, musst Du als Pflegefachkraft das Gespräch mit Deinem Arbeitgeber suchen. Nur so könnt ihr gemeinsam eine Lösung finden. 

Fort- und Weiterbildungen erweitern Dein fachliches Wissen. Sie statten Dich außerdem mit dem nötigen Hintergrundwissen aus, um in Akutsituationen möglichst gelassen zu reagieren.  

Studien und Erkenntnisse aus der Psychologie 

Bereits seit Jahren ist die Lage im ambulanten und stationären Pflegesektor angespannt. Die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass die bereits bestehenden Probleme sich weiter verschärft haben. Empirische Studien legen nahe, dass etwa jede fünfte Person im Pflegesektor an Symptomen von Depressionen und Angststörungen in einem klinisch relevanten Ausmaß leidet – und das bereits vor den zusätzlichen Belastungen durch die Covid-Pandemie.  

Damit solche Symptome gar nicht erst entstehen, werden gezielt Programme zur Förderung der Resilienz bei Pflegenden eingesetzt. Bisher konzentriert sich die Forschung dabei vor allem auf die Primärprävention. Die meisten veröffentlichten Studien und Programme zur Resilienzförderung in der Pflege zielen darauf ab, mithilfe von Achtsamkeitstrainings Stress zu reduzieren. Aber auch kognitiv-verhaltensorientierte Therapieformen werden gerne eingesetzt. Auch wissenschaftliche Studien betonen die Notwendigkeit psychischer Resilienz. So zeigt eine Untersuchung der Universität Witten/Herdecke, dass Pflegekräfte mit hoher Resilienz signifikant seltener an Burn-out und Depressivität leiden und eine höhere Arbeitszufriedenheit aufweisen. Resilienz wirkt hier als psychologischer Schutzfaktor, der Belastungen abpuffert und die psychische Gesundheit stärkt

Medizinische und rechtliche Hinweise:

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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