97 Prozent sehen einen Sinn in ihrer Arbeit – warum Pflegekräfte trotzdem an ihre Grenzen kommen
Veröffentlicht am 15.09.2026
Pflegekräfte erleben ihre Arbeit als besonders bedeutsam. Bildquelle: Canva.de
Viele Pflegekräfte müssen tagtäglich mit den beruflichen Belastungen des Pflegeberufs umgehen. Körperlich anstrengende Tätigkeiten, Zeitdruck oder emotional herausfordernde Situationen gehören für viele zum Arbeitsalltag. Trotzdem erleben Pflegekräfte ihren Beruf besonders häufig als wichtig und gesellschaftlich bedeutsam. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Doch was belastet Pflegekräfte besonders – und welche Unterschiede gibt es zwischen Krankenhaus, Pflegeheim und ambulanter Pflege?
💚 Pflegekräfte erleben ihre Arbeit als besonders bedeutsam: Je nach Pflegebereich geben 92 bis 97 Prozent an, ihre Tätigkeit als wichtig und gesellschaftlich bedeutsam wahrzunehmen. Bei Beschäftigten anderer Berufe sind es 76 Prozent.
🏃 Die körperlichen Anforderungen sind hoch: 85 bis 89 Prozent der Pflegekräfte arbeiten häufig im Stehen, 62 bis 69 Prozent müssen häufig schwere Lasten heben oder tragen.
🧠 Auch psychisch fordert der Beruf: 66 bis 71 Prozent berichten von starkem Termin- oder Leistungsdruck, 61 bis 79 Prozent von häufigen Unterbrechungen.
⏰ Pflegekräfte haben weniger Gestaltungsspielraum: Je nach Bereich können nur 48 bis 58 Prozent ihre Arbeit häufig selbst planen und einteilen. Bei anderen Beschäftigten sind es 70 Prozent.
🏠 Die ambulante Pflege bietet teilweise mehr Freiräume: Beschäftigte in der ambulanten Pflege können beispielsweise deutlich häufiger ihre Arbeitsziele mitbestimmen als Pflegekräfte im Krankenhaus.
Anna Liebig
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Fast alle Pflegekräfte empfinden ihre Arbeit als sinnvoll
Für die Auswertung „Berufliche Pflege im stationären und ambulanten Bereich: Arbeitsbedingungen und Gesundheit im Vergleich“ hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Daten der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2024 ausgewertet.
Betrachtet wurden 568 abhängig beschäftigte Pflegekräfte aus der ambulanten Pflege, der stationären Kurz- und Langzeitpflege sowie der akutstationären Krankenhauspflege. Ihre Angaben wurden mit denen von 19.332 Beschäftigten aus anderen Berufen verglichen.
Dabei zeigt sich ein auffälliger Unterschied: Je nach Pflegebereich geben 92 bis 97 Prozent der Pflegekräfte an, dass ihre Tätigkeit wichtig und gesellschaftlich bedeutsam ist. Unter den Beschäftigten anderer Berufe liegt der Anteil bei 76 Prozent.
Besonders hoch ist der Wert in der ambulanten Pflege: Hier empfinden 97 Prozent der Befragten ihre Tätigkeit als wichtig und gesellschaftlich bedeutsam.
Sinnvoll heißt nicht automatisch zufrieden
Allerdings hat die Auswertung eine wichtige Einschränkung: Untersucht wurde unter anderem die wahrgenommene Bedeutung der Tätigkeit. Das ist nicht dasselbe wie Arbeitszufriedenheit oder gesellschaftliche Wertschätzung. Doch wie unterscheiden sich diese Begriffe?
Sinnhaftigkeit beschreibt den wahrgenommenen Wert der Tätigkeit selbst: Eine Pflegekraft kann ihre Arbeit als wichtig empfinden, weil sie Menschen hilft, Leiden lindert oder Verantwortung für Patient übernimmt.
Arbeitszufriedenheit hängt dagegen auch von den Bedingungen ab, unter denen die Tätigkeit ausgeübt wird – etwa von Bezahlung, Arbeitszeiten, Personalausstattung, Führung, Dienstplanung, Entwicklungsmöglichkeiten und der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Es ist daher kein Widerspruch, wenn du als Pflegekraft deine Arbeit als wichtig ansiehst, gleichzeitig aber mit deinem Arbeitsplatz oder bestimmten Arbeitsbedingungen unzufrieden bist.
Gesellschaftliche Wertschätzung ist noch einmal etwas anderes. Hier geht es nicht darum, welchen Wert Pflegekräfte selbst ihrer Tätigkeit zuschreiben, sondern darum, ob sie sich beispielsweise von Gesellschaft, Politik, Arbeitgebern oder Patient anerkannt fühlen.
Die hohen Werte sollten deshalb nicht als Beleg dafür verstanden werden, dass fast alle Pflegekräfte mit ihrem Beruf oder Arbeitsplatz zufrieden sind. Sie zeigen zunächst, dass Pflegekräfte ihrer eigenen Tätigkeit besonders häufig eine hohe Bedeutung beimessen.
Interessant wird deshalb der Blick auf die weiteren Ergebnisse der BAuA-Auswertung. Denn die hohe wahrgenommene Bedeutung trifft teilweise auf anspruchsvolle Arbeitsbedingungen.
Was Pflegekräfte besonders belastet
Die Unterschiede zu anderen Berufsgruppen zeigen sich sowohl bei den körperlichen als auch bei den psychischen Arbeitsanforderungen. So geben je nach Pflegesetting 85 bis 89 Prozent der Befragten an, häufig im Stehen zu arbeiten. Unter Beschäftigten anderer Berufe sind es lediglich 45 Prozent. Auch das Heben und Tragen schwerer Lasten gehört für Pflegekräfte wesentlich häufiger zum Berufsalltag: 62 bis 69 Prozent berichten davon, gegenüber 15 Prozent in anderen Berufen.
Hinzu kommen hohe psychische Anforderungen. 66 bis 71 Prozent der Pflegekräfte erleben häufig starken Termin- oder Leistungsdruck. Bei anderen Beschäftigten liegt der Anteil bei 43 Prozent. Noch deutlicher fällt der Unterschied bei Störungen und Unterbrechungen während der Arbeit aus. Je nach Pflegebereich sind 61 bis 79 Prozent der Pflegekräfte häufig davon betroffen. Bei anderen Beschäftigten sind es 43 Prozent. Auch emotional herausfordernde Situationen gehören vergleichsweise häufig zum Pflegealltag: 25 bis 29 Prozent der Pflegekräfte berichten davon. In anderen Berufen trifft das auf 11 Prozent der Beschäftigten zu.
Die Ergebnisse machen damit deutlich: Die hohe wahrgenommene Sinnhaftigkeit des Pflegeberufs geht nicht automatisch mit geringen Belastungen einher. Im Gegenteil – Pflegekräfte erleben viele körperliche und psychische Anforderungen deutlich häufiger als Beschäftigte anderer Berufe.
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Pflegekräfte haben weniger Einfluss auf ihren Arbeitsalltag
Neben der Arbeitsbelastung hat die BAuA untersucht, welche Ressourcen Beschäftigten zur Verfügung stehen. Dazu gehört beispielsweise der Handlungsspielraum: Wie viel können Beschäftigte selbst darüber entscheiden, wann und auf welche Weise sie ihre Arbeit erledigen?
Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen Pflegekräften und anderen Berufsgruppen. Während 70 Prozent der Beschäftigten anderer Berufe ihre Arbeit häufig selbst planen und einteilen können, sind es in der Pflege je nach Setting nur 48 bis 58 Prozent. Ähnlich sieht es bei den Pausen aus. In anderen Berufen können 70 Prozent der Beschäftigten häufig selbst bestimmen, wann sie eine Pause machen. Unter Pflegekräften trifft das je nach Bereich lediglich auf 41 bis 52 Prozent zu.
Auch die Unterstützung durch Führungskräfte fällt geringer aus: Je nach Pflegesetting berichten 54 bis 57 Prozent der Pflegekräfte, häufig Hilfe und Unterstützung durch ihre direkten Vorgesetzten zu erhalten. Bei den Beschäftigten anderer Berufe sind es 64 Prozent.
Krankenhaus, Pflegeheim oder ambulante Pflege: Wo gibt es mehr Gestaltungsspielraum?
Allerdings sind die Arbeitsbedingungen nicht in allen Bereichen der Pflege gleich. Besonders beim Handlungsspielraum zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen der ambulanten Pflege, der stationären Langzeitpflege und der akutstationären Krankenhauspflege.
Ein Beispiel ist die Frage, ob Beschäftigte die Ziele ihrer Arbeit mitbestimmen können. In der ambulanten Pflege geben das 60 Prozent der Befragten an. In der stationären Langzeitpflege sind es 44 Prozent, in der akutstationären Krankenhauspflege dagegen nur 32 Prozent. Zum Vergleich: Unter Beschäftigten anderer Berufe liegt der Anteil bei 46 Prozent.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Art und Weise, wie Beschäftigte ihre Aufgaben erledigen. In der ambulanten Pflege können 89 Prozent häufig selbst Einfluss darauf nehmen. In der akutstationären Pflege sind es dagegen 73 Prozent.
Damit bietet die ambulante Pflege bei einigen Aspekten sogar mehr Gestaltungsmöglichkeiten als andere Berufe. Die BAuA warnt allerdings davor, daraus eine pauschale Rangliste der Pflegebereiche abzuleiten. Denn die verschiedenen Pflegesettings unterscheiden sich nicht nur beim Handlungsspielraum, sondern auch bei ihren jeweiligen Anforderungen und Belastungen.
Besonders viele gesundheitliche Beschwerden in der Krankenhauspflege
Die hohen Anforderungen des Pflegeberufs spiegeln sich auch in den gesundheitlichen Beschwerden der Befragten wider.
Pflegekräfte berichten laut BAuA häufiger von Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems. Dazu gehören unter anderem Schmerzen im unteren Rücken sowie im Schulter- und Nackenbereich. Gleichzeitig treten psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen sowie körperliche und emotionale Erschöpfung häufiger auf.
Besonders auffällig ist dabei die akutstationäre Pflege: Beschäftigte im Krankenhaus berichten insgesamt am häufigsten von den untersuchten gesundheitlichen Beschwerden.
Das spricht dafür, bei Verbesserungen der Arbeitsbedingungen genauer hinzusehen. Denn „die Pflege“ gibt es auch bei den Arbeitsbedingungen nicht. Eine Pflegekraft im ambulanten Dienst erlebt andere Anforderungen und Handlungsspielräume als eine Pflegefachkraft auf einer Krankenhausstation oder in einer stationären Langzeitpflege.
Fazit: Was lässt sich aus den Ergebnissen ableiten?
Die Ergebnisse zeigen zunächst eine große Stärke des Pflegeberufs: Trotz hoher körperlicher und psychischer Anforderungen empfinden sehr viele Pflegekräfte ihre Tätigkeit als wichtig und gesellschaftlich bedeutsam.
Gleichzeitig zeigen die Daten, dass Sinnhaftigkeit allein keine guten Arbeitsbedingungen ersetzt. Zeitdruck, körperliche Belastungen, häufige Unterbrechungen und begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten gehören für viele Pflegekräfte weiterhin zum Berufsalltag.
Für Arbeitgeber könnte deshalb gerade der Handlungsspielraum ein wichtiger Ansatzpunkt sein. Verlässliche Pausen, mehr Mitsprache bei der Arbeitsorganisation, Unterstützung durch Führungskräfte und Möglichkeiten, pflegerische Entscheidungen mitzugestalten, können dazu beitragen, Ressourcen im Arbeitsalltag zu stärken.
Für Pflegekräfte wiederum lohnt es sich, bei der Jobsuche nicht nur auf Gehalt oder Arbeitszeit zu achten. Auch Fragen danach, wie Dienstpläne organisiert werden, wie verlässlich Pausen eingehalten werden können, welche Unterstützung Führungskräfte bieten und wie viel Eigenverantwortung Pflegekräfte im Alltag erhalten, können Hinweise darauf geben, wie ein Arbeitgeber tatsächlich arbeitet.
Die BAuA-Auswertung macht damit vor allem eines deutlich: Viele Pflegekräfte sehen einen großen Sinn in ihrem Beruf. Entscheidend ist, ihnen auch Arbeitsbedingungen zu bieten, unter denen sie diesen Beruf langfristig gut ausüben können.
Quellen
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Berufliche Pflege im stationären und ambulanten Bereich: Arbeitsbedingungen und Gesundheit im Vergleich, baua: Fakten, 2026.
Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) / Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2024.