Polyneuropathie in der Pflege: Symptome, Behandlung und Maßnahmen
Veröffentlicht am 23.09.2026

Pflegekräfte sollten erste Anzeichen für eine Polyneuropathie unbedingt ernst nehmen. Bildquelle: Canva.de
Kribbeln in den Füßen, brennende Schmerzen oder ein zunehmend unsicherer Gang. Eine Polyneuropathie kann den Alltag von Patient:innen stark verändern. Als Pflegekraft kannst du wesentlich dazu beitragen, Beschwerden frühzeitig zu erkennen, Stürzen und Verletzungen vorzubeugen und die Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.
Das Wichtigste in Kürze
- 🧠 Erkrankung der peripheren Nerven: Bei einer Polyneuropathie sind mehrere Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark geschädigt. Häufig beginnen die Beschwerden an beiden Füßen.
- ⚡ Typische Symptome: Kribbeln, Taubheitsgefühle, brennende oder stechende Schmerzen sowie ein unsicherer Gang können auf eine Polyneuropathie hinweisen.
- 🩺 Ursache gezielt behandeln: Diabetes mellitus, hoher Alkoholkonsum, bestimmte Vitaminmängel oder Medikamentegehören zu den möglichen Ursachen einer Polyneuropathie. Die ärztliche Behandlung richtet sich nach der jeweiligen Ursache.
- 🦶 Füße täglich kontrollieren: Durch ein vermindertes Schmerzempfinden bleiben Druckstellen, Blasen oder kleine Verletzungen oft unbemerkt. Bei Sensibilitätsstörungen sollten die Füße regelmäßig auf Druckstellen, Blasen und Verletzungen kontrolliert werden.
- 🛏️ Stürzen vorbeugen: Taubheitsgefühle, Muskelschwäche und Gleichgewichtsprobleme erhöhen das Sturzrisiko. Gute Beleuchtung, festes Schuhwerk und passende Hilfsmittel schaffen mehr Sicherheit.
- 🤝 Pflege stärkt Selbstständigkeit: Schmerzbeobachtung, Hautschutz, sichere Mobilisation und verständliche Anleitung helfen Patient:innen, Beschwerden besser zu bewältigen und möglichst selbstständig zu bleiben.
Was ist eine Polyneuropathie?
Bei einer Polyneuropathie sind mehrere periphere Nerven geschädigt. Das sind Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark, die Empfindungen weiterleiten, Bewegungen steuern und Körperfunktionen wie Blutdruck, Verdauung oder Blasenentleerung mitregulieren. Die Beschwerden beginnen häufig an beiden Füßen und schreiten langsam in Richtung Wade fort. Fachleute sprechen deshalb oft von einer „strumpfförmigen“ Verteilung der Symptomatik. Sind die Hände beteiligt, können sich die Missempfindungen auch „handschuhförmig“ ausbreiten.
Ursachen der Polyneuropathie
Eine der häufigsten Ursachen der Polyneuropathie laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist Diabetes mellitus. Weitere Auslöser sind hoher Alkoholkonsum, ein Vitamin-B12-Mangel, bestimmte Medikamente, Nieren- oder Lebererkrankungen, Infektionen, Autoimmunerkrankungen und erbliche Nervenerkrankungen. Allerdings lässt sich nicht bei allen Patient:innen eine eindeutige Ursache feststellen.

Anna Liebig
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Symptome der Polyneuropathie
Die Symptome hängen stark davon ab, welche Nervenfasern betroffen sind. Sensible Nerven vermitteln Berührung, Schmerz und Temperatur. Motorische Nerven steuern Muskeln. Autonome Nerven beeinflussen unwillkürliche Funktionen wie Kreislauf, Schwitzen oder Verdauung. Die typischen Beschwerden bei einer Schädigung sensibler Nerven laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) sind meist:
- Kribbeln, Ameisenlaufen oder ein Gefühl wie Nadelstiche
- Taubheit oder vermindertes Berührungs- und Temperaturempfinden
- Brennende, stechende oder elektrisierende Schmerzen
- Schmerzen bereits bei leichter Berührung, etwa durch Bettdecke oder Kleidung
- Das Gefühl, auf Watte zu gehen
- Unsicherheit beim Gehen, besonders im Dunkeln
- Druckstellen, Blasen oder Wunden, die wegen der verminderten Schmerzempfindung unbemerkt bleiben können.
Bei motorischen Ausfällen können Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, Muskelzucken und Probleme beim Aufstehen oder Treppensteigen auftreten. Eine Beteiligung der autonomen Nerven kann sich beispielsweise durch Schwindel beim Aufstehen, Herzrasen in Ruhe, Verdauungsprobleme, Blasenfunktionsstörungen oder verändertes Schwitzen zeigen.
Warnzeichen ernst nehmen
Bestimmte Veränderungen solltest du zeitnah ärztlich abklären lassen. Dazu gehören plötzlich auftretende oder rasch zunehmende Lähmungen, neue starke Gangstörungen, ausgeprägte Schmerzen, Stürze, nicht heilende Wunden oder Kreislaufprobleme mit Ohnmacht. Ein einseitiger Beginn, eine deutliche Asymmetrie oder eine rasche Ausbreitung der Beschwerden können auf einen atypischen Verlauf oder andere Ursachen hinweisen und sollten ärztlich abgeklärt werden.
Diagnostik bei Polyneuropathie
Die ärztliche Diagnostik beginnt mit einer ausführlichen Anamnese. Wichtig sind unter anderem Vorerkrankungen wie Diabetes, Alkohol- und Medikamentenkonsum, Ernährungsgewohnheiten, familiäre Belastungen sowie Beginn und Verlauf der Beschwerden. Eine körperlich-neurologische Untersuchung prüft unter anderem Berührungs-, Temperatur- und Vibrationsempfinden, Muskelkraft, Reflexe und Gangbild. Häufig folgt eine Elektroneurographie. Dabei messen Ärzt:innen, wie gut elektrische Signale über Nerven weitergeleitet werden. Zur Basisdiagnostik können je nach Situation folgende Untersuchungen gehören:
- ausführliche Anamnese
- klinisch-neurologische Untersuchung
- Elektrophysiologische Untersuchungen wie Elektroneurgraphie
- Laboruntersuchungen zur Suche nach möglichen Ursachen
Abhängig von Beschwerden, Verlauf und Verdachtsdiagnose können weitere Untersuchungen erforderlich sein.
Behandlung der Polyneuropathie
Eine Polyneuropathie lässt sich nicht immer vollständig rückgängig machen. Ein wichtiges Behandlungsziel besteht deshalb darin, eine behandelbare Ursache frühzeitig zu erkennen und ein weiteres Fortschreiten der Nervenschädigung möglichst zu verhindern.
Bei Diabetespatient:innen gehören eine individuell abgestimmte Stoffwechseleinstellung sowie Langzeitblutzuckerkontrollen (HbA1c) dazu. Bei einem Vitaminmangel kann eine ärztlich verordnete Substitution sinnvoll sein. Auslösende Medikamente dürfen Patient:innen jedoch niemals eigenständig absetzen.
Bei neuropathischen Schmerzen kommen je nach Ursache und individueller Situation verschiedene Medikamente zum Einsatz. Dazu zählen unter anderem Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von Depressionen oder Krampfanfällen entwickelt wurden und auch Nervenschmerzen lindern können.
Physiotherapie kann Gleichgewicht, Kraft und Gangbild verbessern. Patient:innen können auch von Ergotherapie profitieren, denn sie unterstützt dabei, Handfunktionen zu erhalten und alltägliche Tätigkeiten sicherer auszuführen. Bei schmerzhaften oder motorisch beeinträchtigenden Verläufen sind diese Maßnahmen häufig ein wichtiger Teil der Behandlung.
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Pflegemaßnahmen bei Polyneuropathie
Eine regelmäßige Beobachtung ist besonders wichtig, weil deine Patient:innen kleine Verletzungen oft nicht spüren. Bei Diabetes und Sensibilitätsverlust erhöht sich dadurch das Risiko für Fußulzera, also schlecht heilende Wunden am Fuß.
Die Pflege orientiert sich an den individuellen Einschränkungen. Im Mittelpunkt deiner Arbeit stehen Schmerzlinderung, Haut- und Fußschutz, Sturzprophylaxe, Förderung der Mobilität und Anleitung zur Selbstpflege:
| Pflegeziel | Konkrete Maßnahmen |
|---|---|
| Schmerzen erfassen | Schmerzen regelmäßig einschätzen, etwa mit einer numerischen Ratingskala von 0 bis 10; Auslöser, Tageszeit, Schlaf und Wirkung der Therapie dokumentieren. |
| Verletzungen vermeiden | Füße und Zehenzwischenräume täglich auf Rötungen, Druckstellen, Blasen, Einrisse und Wunden kontrollieren; bei eingeschränkter Sehfähigkeit Unterstützung anbieten. |
| Haut schützen | Haut sorgfältig trocknen, vor allem zwischen den Zehen; passende Hautpflege nach Standard der Einrichtung anwenden; keine heißen Wärmflaschen oder Heizkissen direkt an den Füßen einsetzen. |
| Stürzen vorbeugen | Stolperfallen entfernen, gute Beleuchtung schaffen, festes Schuhwerk fördern und Hilfsmittel korrekt einstellen lassen. |
| Mobilität erhalten | Zu sicheren Bewegungsübungen motivieren, Transfers begleiten und bei Bedarf Physio- oder Ergotherapie einbeziehen. |
| Selbstständigkeit stärken | Patient:innen über verminderte Schmerz- und Temperaturempfindung informieren und Routinen zur Fußkontrolle gemeinsam einüben. |
Fußpflege bei Polyneuropathie
Bei einer Polyneuropathie benötigen die Füße besondere Aufmerksamkeit. Die Füße sollten regelmäßig, bei erhöhtem Risiko möglichst täglich, kontrolliert werden. Ein Spiegel kann helfen, die Fußsohlen zu kontrollieren, da selbst kleine Risswunden sehr schnell übersehen werden.
Für die praktische Pflege gilt:
- Füße mit lauwarmem Wasser reinigen und die Temperatur vorher mit Ellenbogen oder Thermometer prüfen, nicht mit dem Fuß
- Füße und besonders die Zehenzwischenräume sorgfältig abtrocknen
- Nicht barfuß laufen - auch nicht in der Wohnung
- Schuhe vor dem Anziehen auf Steinchen, Falten oder Fremdkörper kontrollieren
- Druckfreie, gut passende Socken und Schuhe tragen
- Nägel vorsichtig pflegen und bei verdickten, eingewachsenen oder schwer zu schneidenden Nägeln professionelle Fußpflege beziehungsweise podologische Unterstützung organisieren .Bei Hühneraugen, eingewachsenen Nägeln, Druckstellen oder Wunden frühzeitig professionelle Hilfe organisieren, um weitere Schäden zu vermeiden.
Du solltest außerdem darauf achten, ob Schuhe zu eng sitzen, Nähte drücken oder sich das Gangbild verändert. Besonders bei Menschen mit eingeschränkter Sensibilität können ungeeignete Schuhe unbemerkt zu Hautschäden führen.
Sturzprophylaxe bei Polyneuropathie
Taubheitsgefühle, Muskelschwäche und ein vermindertes Lagegefühl können das Gleichgewicht deiner Patient:innen beeinträchtigen. Viele Betroffene fühlen sich im Dunkeln unsicherer, weil sie sich dann weniger über das Sehen orientieren können.
Hilfreich sind eine ausreichend helle Umgebung, eine gut erreichbare Rufanlage, geeignetes rutschfestes Schuhwerk sowie bedarfsgerecht eingesetzte Gehhilfen.
Bei Schwindel nach dem Aufstehen empfiehlt sich ein langsamer Lagewechsel: zuerst im Bett aufsetzen, kurz abwarten, dann aufstehen. Treten dabei wiederholt Beschwerden, Beinahe-Stürze oder Ohnmachtsgefühle auf, sollte das ärztliche Team informiert werden.
Kommunikation und Beratung
Eine Polyneuropathie ist für Außenstehende und Angehörige oft nicht sichtbar. Patient:innen erleben ihre Beschwerden dennoch als sehr belastend, denn Schmerzen können den Schlaf stören, Taubheitsgefühle verunsichern und die Sorge vor Stürzen kann zu Rückzug und Isolation führen.
Diese Fragen helfen bei der Pflegeanamnese:
- „Haben Sie Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühle?“
- „Spüren Sie Wärme, Kälte und Druck an den Füßen normal?“
- „Gab es in letzter Zeit Stolpern, Stürze oder Unsicherheit beim Gehen?“
- „Haben Sie Druckstellen, Blasen oder Wunden bemerkt?“
- „Wie stark sind Ihre Schmerzen gerade auf einer Skala von null bis zehn?“
Die Pflegeberatung sollte Patient:innen und Angehörige dazu befähigen, Veränderungen früh zu bemerken und im Alltag sicher zu handeln. Dazu gehören regelmäßige Fußkontrollen, ein sicherer Umgang mit Hilfsmitteln, das Vermeiden von Verletzungsquellen und die verlässliche Einnahme ärztlich verordneter Medikamente.
Fazit: Ganzheitliche Pflege für mehr Lebensqualität
Eine Polyneuropathie erfordert in der Pflege einen aufmerksamen und individuellen Blick. Schmerzen erfassen, Haut und Füße kontrollieren, Stürzen vorbeugen und die Selbstständigkeit fördern gehören zu den zentralen Aufgaben. Da Ursachen und Verlauf unterschiedlich sein können, sind eine ärztliche Abklärung und eine individuell abgestimmte Behandlung wichtig. Pflegekräfte tragen dazu bei, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen und Patient:innen im sicheren Umgang mit ihrer Erkrankung zu unterstützen.
Häufig gestellte Fragen zu Polyneuropathie
Was ist eine Polyneuropathie?
Eine Polyneuropathie ist eine Erkrankung, bei der mehrere periphere Nerven geschädigt sind. Diese Nerven liegen außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks und sind unter anderem für Gefühl, Bewegung und bestimmte Körperfunktionen zuständig. Typische Beschwerden sind Kribbeln, Taubheitsgefühle, brennende Schmerzen oder Muskelschwäche. Häufig beginnen die Symptome an den Füßen und breiten sich später möglicherweise auf die Unterschenkel oder Hände aus.
Kann sich eine Polyneuropathie zurückbilden?
Das hängt meist von der Ursache ab. Wenn ein behandelbarer Auslöser früh erkannt wird, können sich Beschwerden bessern. Bereits entstandene Nervenschäden bleiben jedoch häufig zumindest teilweise bestehen.
Welche Schmerzen treten bei Polyneuropathie auf?
Viele Patient:innen beschreiben brennende, stechende oder elektrisierende Schmerzen. Auch eine normale Berührung durch Kleidung oder Bettwäsche kann unangenehm oder schmerzhaft sein. Andere Patient:innen wiederum haben abgeschwächtes Schmerzempfinden bis hin zu keinem Empfinden in den betroffenen Stellen.
Warum sind die Füße besonders gefährdet?
Durch das eingeschränkte Schmerz- und Temperaturempfinden bleiben Druckstellen, kleine Verletzungen oder Verbrennungen häufig zunächst unbemerkt. Werden sie spät erkannt, können sich Wunden infizieren oder zu schwer heilenden Geschwüren entwickeln. In schweren Fällen kann eine operative Behandlung notwendig werden. Tägliche Fußkontrollen und gut sitzende, druckfreie Schuhe helfen daher, Komplikationen frühzeitig zu vermeiden.
Was sollten Pflegefachkräfte bei der Körperpflege beachten?
Bei einer Polyneuropathie können Patient:innen Druck, Schmerzen, Wärme oder Kälte schlechter wahrnehmen. Pflegefachkräfte sollten die Haut deshalb aufmerksam auf Rötungen, Druckstellen, Blasen, Verletzungen und Wunden kontrollieren. Besonders wichtig sind Füße, Zehenzwischenräume und Bereiche, die durch Schuhe, Strümpfe oder Hilfsmittel belastet werden.
Wann ist ärztliche Hilfe notwendig?
Eine zeitnahe ärztliche Abklärung ist wichtig bei neuen oder rasch zunehmenden Beschwerden, Muskelschwäche, Stürzen, Wunden, starken Schmerzen sowie Schwindel oder Ohnmacht beim Aufstehen.
Quellen
Bundesministerium für Gesundheit. Polyneuropathie: Symptome und Behandlung. Berlin: gesund.bund.de; Stand: 16. Juni 2022; abgerufen am 7. September 2026 von: https://gesund.bund.de/polyneuropathie
Deutsche Gesellschaft für Neurologie. S1-Leitlinie Diagnostik bei Polyneuropathien. AWMF-Register-Nr. 030-067; gültig bis 31. März 2029; abgerufen am 7. September 2026 von: https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-067l_S1_Diagnostik-Polyneuropathien_2025-08.pdf
Deutsche Diabetes Gesellschaft. Praxisempfehlungen: Diabetische Neuropathie. Berlin: Deutsche Diabetes Gesellschaft; 2025; abgerufen am 7. September 2026 von: https://www.ddg.info/fileadmin/user_upload/05_Behandlung/01_Leitlinien/Praxisempfehlungen/2025/PE_Diabetische_Neuropathie_2025.pdf
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