Rassismus in der Pflege – wie werden wir ihn los?
Veröffentlicht am 21.03.2026

Rassismus ist in der Pflege ein wichtiges Thema. Quelle: Canva
Ohne Fach- und Hilfskräfte aus anderen Ländern im Pflegebereich wäre das deutsche Gesundheitssystem womöglich schon zusammengebrochen. Dennoch erleben zugewanderte Pflegekräfte regelmäßig rassistische Diskriminierung. Wir bei Pflegia nehmen die Internationalen Wochen gegen Rassismus zum Anlass, über Rassismus in der Pflege zu berichten und zu erklären, was Führungskräfte und jede:r Einzelne dagegen tun können.
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Auf den Punkt gebracht
- Viele Pflegekräfte mit internationaler Geschichte berichten regelmäßig von rassistischer Diskriminierung im Arbeitsalltag.
- Zugewanderte Pflegekräfte berichten teilweise von ungünstigeren Vertragsbedingungen, übernehmen häufiger unbeliebte Aufgaben oder Dienste und erleben abwertende Aussagen oder Ausgrenzung.
- Berichte über rassistische Erfahrungen werden nicht immer ausreichend ernst genommen
- Die zusätzliche Belastung kann dazu führen, dass betroffene Pflegekräfte häufiger krank sind, sich schwerer integrieren und ihr Potenzial nicht vollständig entfalten können.
- Diskriminierungssensibles Handeln, verbindliche Schutzkonzepte, Mentoring-Programme, klare Beschwerdewege und angepasste Fortbildungen können helfen, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken.
Rassismus ist kein Einzelfall
Rassistische Diskriminierung wird nicht in allen Einrichtungen gleichermaßen wahrgenommen. Während sie für einige im Arbeitsalltag kaum sichtbar ist, berichten andere – insbesondere Mitarbeitende mit internationaler Geschichte – von entsprechenden Erfahrungen.
Betroffene erzählen zum Beispiel:
„Der Patient hat mich angesehen und gesagt, von einer N.-Hilfskraft* will er nicht behandelt werden“. Berichtet von einer Herzchirurgin.

Anna Liebig
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„Eine Kollegin sagte: ‚Den neuen Pfleger will ich nicht einarbeiten. Nachher greift der mich noch an.‘“ Berichtet von einem als muslimisch gelesenen Pfleger.
Solche Berichte treten immer wieder auf und sind für viele Betroffene eine reale Erfahrung. Um darauf aufmerksam zu machen, Betroffenen Mut zu machen und Handlungswege aufzuzeigen, organisiert die Stiftung gegen Rassismus seit vielen Jahren rund um den Internationalen Tag gegen Rassismus etliche Aktionen. Dass das auch im Jahr 2026 noch nötig ist, zeigen aktuelle Befragungen und Studien immer wieder.
*Wir bei Pflegia distanzieren uns von rassistischen Formulierungen und schreiben diese daher nicht aus – auch wenn sie von manchen Menschen noch immer verwendet werden.
Internationaler Tag gegen Rassismus
Viele kennen ihn gar nicht: Der Internationale Tag gegen Rassismus wird weltweit am 21. März begangen. Der Tag erinnert an den 21.3.1960, als im südafrikanischen Sharpeville tausende Menschen friedlich gegen das rassistische Apartheitsregime protestierten. Das damalige System sicherte einer weißen, europäischstämmigen Minderheit die politische und wirtschaftliche Macht in Südafrika und diskriminierte People of Color in sämtlichen Lebensbereichen. Die Demo am 21. März wurde blutig niedergeschlagen. 69 Menschen wurden von der Polizei erschossen und hunderte verletzt. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Gewalt und forderte ein Ende der Apartheit. Seit dem Jahr 1966 gilt der 21. März als „Internationaler Tag für die Beseitigung der Rassendiskriminierung“. Seit den 1980er Jahren gibt es rund um diesen Tag in vielen Ländern Aktionswochen gegen Rassismus.
In Deutschland werden bundesweit jedes Jahr mehr als 5000 Aktionen, verteilt über etwa zwei Wochen, rund um den Tag gegen Rassismus angeboten. Koordiniert werden diese von der Stiftung gegen Rassismus. Mehr als 300.000 Menschen nehmen jährlich daran teil. Ziel ist die Sensibilisierung der Mehrheitsgesellschaft und das Sichtbarmachen und Stärken von Betroffenen. Der Veranstaltungskalender für dieses Jahr ist unter dem Artikel verlinkt.
Was hat Rassismus mit mir zu tun?
Rassismus und Diskriminierung sind gesellschaftliche Themen, die sich auch im Pflegealltag widerspiegeln können. Rassismus beschreibt die Überzeugung, dass Menschen aufgrund von außen zugeschriebenen Merkmalen, etwa ihrer Hautfarbe oder religiöser Kleidung, einer bestimmten “Rasse” angehören und deshalb bestimmte Rechte in der Gesellschaft haben oder nicht haben sollten. Diese Einteilungen sind jedoch gesellschaftlich konstruiert und wissenschaftlich nicht haltbar. Unterschiedliche menschliche “Rassen” mit vererbten Fähigkeiten gibt es nicht. Sie wurden von Europäern erfunden, um unter anderem den Sklavenhandel und die Ausbeutung ganzer Landstriche des afrikanischen Kontinents während der Kolonialzeit zu rechtfertigen.
Rassistische Diskriminierung existiert aber bis heute. Sie bedeutet, dass Menschen beispielsweise aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Aussprache oder Religion konkret benachteiligt werden. Dadurch werden oft vorherrschende Machtverhältnisse verfestigt.
Auch sprachlich ist Rassismus oft allgegenwärtig, was vielen Nicht-Betroffenen allerdings nicht auffällt. Viele Formulierungen sind auf die deutsche Kolonialgeschichte oder die Zeit des Nationalsozialismus zurückzuführen. Hunderte Worte wurden erfunden, um Menschen in Gruppen einzuteilen und diese dann herabzuwürdigen.
Wie kann Diskriminierung im Alltag aussehen?
Für viele Pflegekräfte und Ärzt:innen ist Rassismus kein Phänomen aus der Vergangenheit, sondern gegenwärtiger Alltag. Sie berichten davon, dass ihnen weniger zugetraut wird, sie häufiger unbeliebte Aufgaben übernehmen oder sie benachteiligt werden. Der Rassismus kann dabei auf verschiedenen Ebenen stattfinden:
- Strukturell, etwa weil Qualifikationen aus dem Ausland nicht anerkannt werden oder Anerkennungsverfahren intransparent sind und willkürlich ablaufen.
- Institutionell, beispielsweise, wenn Einarbeitungsprozesse oder Integrationsangebote nicht ausreichend strukturiert sind oder den individuellen Bedürfnissen nicht gerecht werden. Auch im Bereich von Arbeitsverträgen berichten einige Pflegekräfte von herausfordernden Bedingungen, etwa durch lange Bindungsfristen oder Rückzahlungsklauseln im Zusammenhang mit Qualifizierungsmaßnahmen. In Einzelfällen wird zudem geschildert, dass Vertragsinhalte nicht immer vollständig transparent sind oder erst spät im Prozess vermittelt werden. Solche Erfahrungen können bei Betroffenen den Eindruck von Ungleichbehandlung oder Abhängigkeit verstärken.
- Kollegial, zum Beispiel, wenn es im Team zu Vorbehalten, Unsicherheiten oder ablehnendem Verhalten gegenüber internationalen Kolleg:innen kommt. Im Arbeitsalltag kann es passieren, dass neue Mitarbeitende weniger Unterstützung in der Einarbeitung erhalten oder sich nicht vollständig ins Team eingebunden fühlen. Auch die Verteilung von Aufgaben oder Diensten wird nicht immer als ausgewogen empfunden – etwa, wenn bestimmte Tätigkeiten oder Schichten häufiger bei einzelnen Personen liegen. In solchen Situationen werden Diskriminierungserfahrungen nicht immer klar angesprochen oder aufgearbeitet.
- Persönlich, wenn Pflegebedürftige oder Patient:innen eine Behandlung von bestimmten Pflegekräfte ablehnen.
Sich dagegen zu wehren, ist schwer. Insbesondere internationale Fach- und Hilfskräfte, die zu Beginn ihrer Zeit in Deutschland noch kein perfektes Deutsch sprechen, erfahren oft erst viele Jahre später, was ihre Rechte gewesen wären. Das ist wenig überraschend. Auch für die allermeisten Menschen, die in der Bundesrepublik aufgewachsen sind, ist Juristendeutsch schwer bis gar nicht zu verstehen. Die eigenen Rechte zu kennen und einzufordern, wenn man neu im Land ist, ist kaum möglich.
Auch die Auseinandersetzung mit Kolleg:innen fällt den meisten Menschen grundsätzlich schwer. Wenn die anderen sprachlich gewandter oder in höheren Positionen tätig sind, kommen nachvollziehbare Ängste vor Demütigung oder Jobverlust hinzu. Außerdem wird diskriminierendes Verhalten im Arbeitsalltag nicht immer angesprochen. Auch wenn es von Kolleg:innen teilweise als problematisch wahrgenommen wird, fällt es vielen schwer, in solchen Situationen einzugreifen. So bleiben Vorfälle mitunter ungeklärt, was dazu führen kann, dass sich entsprechende Verhaltensweisen verfestigen.
Auswirkungen von Rassismus im Pflegealltag
Der Alltag als Pflegekraft bietet sowieso schon genug Herausforderungen. Es braucht nicht viel Fantasie, damit klar wird, dass zusätzliche rassistische Diskriminierung Betroffene schnell an ihre Grenzen bringt. Die vielfache Belastung durch Stress, hohe Anforderungen, eigenständige Verbesserung der deutschen Sprache inklusive Fachbegriffen, stressiges Anerkennungsverfahren und zusätzlich noch Rassismus gefährden massiv die Gesundheit und das Wohlbefinden.
Hinzu kommt: Da internationale Pflegekräfte zu Beginn nicht immer perfekt Deutsch sprechen, kommt es häufiger zu Rückfragen im Arbeitsalltag. In solchen Situationen kann es vereinzelt zu Missverständnissen oder Ungeduld kommen, wodurch neuen Mitarbeitenden mitunter weniger zugetraut wird. Dabei bringen viele Pflegekräfte aus dem Ausland umfangreiche Qualifikationen, Studienabschlüsse oder langjährige Erfahrung mit. Doch oft greift dann ein übliches rassistisches Vorurteil: Wer sich sprachlich nicht gut ausdrücken kann, wird als fachlich nicht kompetent wahrgenommen.
Das Ergebnis: Qualifizierte Fachkräfte bekommen nur noch Hilfstätigkeiten zugewiesen. Das kann sich langfristig auch auf die Zusammenarbeit im Team und die Versorgungsqualität auswirken. Und manch eine Pflegekraft, die diese Arbeit eigentlich gerne machen würde, wechselt den Job, weil sie keine Chance auf faire Behandlung, anspruchsvolle Tätigkeiten oder gar eine Karriere bekommt.
Was kann man gegen Rassismus in der Pflege tun?
Sowohl institutionell als auch persönlich lässt sich einiges tun, um rassistische Diskriminierung zu minimieren oder am besten ganz abzuschaffen. Davon profitieren alle Beteiligten, nicht nur die Betroffenen.
Empfehlungen für Institutionen
Kliniken, Pflegedienste und alle anderen Institutionen in der Gesundheitsversorgung brauchen einen klaren Integrationsprozess, damit neue Pflegekräfte gut im System ankommen können und Teams entlastet werden. Dazu gehören vor allem:
- strukturiertes Onboarding: Ein klarer Plan hilft, damit alle wissen, wie eine neue Pflegekraft eingearbeitet werden sollte.
- Mentoring-Programme: Besonders hilfreich sind feste Bezugspersonen, die Extrazeit eingeräumt bekommen, um neuen Mitarbeitenden die örtlichen Prozesse zu erklären.
- rassismuskritische Weiterbildungen: Insbesondere Mentor:innen und Führungskräfte sollten geschult werden, um Diskriminierung im Alltag zu erkennen und entsprechend agieren zu können. Teams können sich für die Wirkweisen von Rassismus und die Herausforderungen für Zugewanderte sensibilisieren lassen. So wächst das Verständnis füreinander.
- verbindliche Schutzkonzepte: Es sollte klare Ansprechpersonen für Zugewanderte geben, an die sie sich wenden können, wenn sie rassistisch beleidigt oder diskriminiert werden. Dann muss ein Schutzkonzept inklusive psychosozialer Betreuung greifen, damit Diskriminierung verarbeitet, besprochen und zukünftig vermieden werden kann.
- klare Beschwerdewege und Konsequenzen: Rassismus ist verboten und darf nicht im stressigen Alltag untergehen. Es braucht Beschwerdewege, über die alle informiert sind, damit Diskriminierung auch Konsequenzen für die Täter:innen hat. Auch anonymes Feedback muss möglich sein.
Was jede:r selbst tun kann
Vielleicht hast Du selbst schon Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Vielleicht hast Du mitbekommen, wie jemand anderes diskriminiert wurde. Vielleicht kennst Du beides nicht und bist einfach froh, wenn Du den anstrengenden Tag überstanden hast. In allen Fällen lautet unser Rat: Jeder kleine Schritt in Richtung diskriminierungssensibles Handeln hilft. Halte die Augen und Ohren offen und mische Dich ein, wenn Du Rassismus mitbekommst.
Folgendes kann jede:r tun:
- Mache dir bewusst, dass viele Menschen in Deutschland regelmäßig Rassismus erleben. Wenn Du das kennst, sage Dir immer wieder: „Ich bin nicht allein. Und es ist nicht meine Schuld.“ Wenn Du keinen Rassismus erlebst, erkenne an, dass Millionen Menschen täglich andere Erfahrungen machen.
- Setze Dich für eine offene Kommunikationskultur ein. Es muss möglich sein, über rassistische Erfahrungen zu sprechen, und diese sollten immer ernst genommen werden.
- Bilde Dich weiter und achte auf Deine Wortwahl. Viele von uns sind mit rassistischen Denkweisen aufgewachsen, aber man kann sie auch wieder „verlernen“. Informiere Dich, welche Formulierungen diskriminierend sind und verzichte darauf – auch wenn Du sie vielleicht nicht so meinst. Auf diese Weise hilfst Du dabei, Rassismus nicht weiterzutragen.
- Schließe niemanden aus. Wenn es zum Beispiel eine WhatsApp-Gruppe gibt, sollten alle, die wollen, teilhaben dürfen. Auch wenn manche vielleicht noch nicht perfekt Deutsch sprechen.
- Misch‘ Dich ein, wenn Du mitbekommst, dass jemand rassistisch beleidigt oder diskriminiert wird. Konkrete Tipps, wie das gut gelingen kann, erklärt der Flyer „Was sage ich, wenn… – Rassismus begegnen“ von der Bundeszentrale für politische Bildung. Den Link findest Du unter dem Artikel.
- Unterstütze Kolleg:innen, wenn sie Rassismus erfahren. Höre zu und frag‘, was sie brauchen.
- Kenne Deine Rechte! Niemand darf schlechter gestellt oder gar gekündigt werden, weil er oder sie sich über Rassismus beschwert hat. Ganz im Gegenteil: Deutsche Gerichtsurteile bestätigen immer wieder, dass rassistische Täter:innen bestraft und Diskriminierte entschädigt werden müssen.
- Melde rassistische Diskriminierung, wenn Du sie erlebst. Such‘ Dir Unterstützung, wenn Du sie brauchst. Diskriminierung ist verboten und Täter:innen sollten nicht damit durchkommen.
Fazit
Zugewanderte Pflegekräfte erleben auch heute noch regelmäßig rassistische Diskriminierung. Tausende Aktionen rund um den Internationen Tag gegen Rassismus am 21. März machen auch dieses Jahr wieder auf vorhandene Probleme aufmerksam und zeigen Lösungen auf. Institutionen, Führungskräfte und jede:r Einzelne können dazu beitragen, Rassismus zu bekämpfen.
Quellen
Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Veranstaltungskalender. stiftung-gegen-rassismus.de; abgerufen am 17.3.2026 von https://stiftung-gegen-rassismus.de/veranstaltungskalender
Bundeszentrale für politische Bildung. Herausforderungen für zugewanderte Pflegekräfte. bpb.de; abgerufen am 17.3.2026 von https://www.bpb.de/themen/migration-integration/regionalprofile/deutschland/543561/herausforderungen-fuer-zugewanderte-pflegekraefte/
Studie: Rassismus in der Pflege. Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor; abgerufen am 17.3.2026 von https://www.vielfalt-mediathek.de/wp-content/uploads/2026/01/Rassismus_Rassismus-in-der-Pflege.pdf
SWR-Radiosendung: Rassismus im Gesundheitswesen. swr.de; abgerufen am 17.3.2026 von https://www.swr.de/swrkultur/wissen/rassismus-im-gesundheitswesen-diskriminierung-von-aerzten-und-pflegekraeften-102.html
Weitere Links
Flyer „Was sage ich, wenn… – Rassismus begegnen“
https://www.bpb.de/shop/materialien/weitere/192553/flyer-rassismus-begegnen/
Leitfaden für einen rassismuskritischen Sprachgebrauch (inklusive Hintergrundwissen)
https://www.oegg.de/wp-content/uploads/2019/12/Leitfaden_PDF_2014.pdf











