Darmgesundheit & Psyche: So beeinflusst das Mikrobiom deine Belastbarkeit als Pflegekraft

Veröffentlicht am 09.05.2025

Mikrobiom und Psyche: Nahaufnahme eines Mikrobioms

Quelle: canva.com

Lange Zeit dachte man, dass der Darm ausschließlich für die Verdauung zuständig sei. Inzwischen weiß man, dass der Darm, neben seiner Wirkung auf Immunsystem und Stoffwechsel, nachweisbar auch Einfluss auf die Psyche nimmt. Wie dieser Mechanismus funktioniert und warum ein gesundes Darmmikrobiom gerade für Menschen in Pflegeberufen wichtig ist, erfährst du in diesem Artikel. 

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Was ist das menschliche Mikrobiom? 

Auch, wenn sie mit dem menschlichen Auge nicht sichtbar sind, ist der menschliche Körper übersät von einer unglaublich großen Anzahl an verschiedenen Kleinstlebewesen, wie Bakterien, Viren, Pilzen und Einzellern, die mit dem Menschen zusammenleben. Die Gesamtheit all dieser Mikroorganismen, die in und auf dem menschlichen Körper wohnen, wird als Mikrobiom bezeichnet. Rund 39 Billionen Mikroben – also mehr, als der erwachsene Mensch an Zellen besitzt - besiedeln vor allem den Darm, aber auch die Haut, die Schleimhäute von Mund, Nase, Augen und Genitalien sowie die Lunge. Die Zusammensetzung des Mikrobioms ist bei jedem Menschen individuell einzigartig, wie der Fingerabdruck und kann sich je nach Alter, Ernährung und Umgebung, ständig ändern. Die Aufgaben dieses fein abgestimmten Ökosystems sind vielfältig und für unsere Gesundheit enorm wichtig. Denn ein intaktes Mikrobiom sorgt unter anderem dafür, dass potentiell schädliche und krankmachende Keime, die auf oder in den Körper gelangen, zuverlässig in Schach gehalten bzw. unschädlich gemacht werden. 

Darmflora: die meisten Mikroorganismen leben im Darm 

Das Mikrobiom im Darm, umgangssprachlich auch Darmflora genannt, kann aber noch deutlich mehr. Ohne dieses Mikrobiom wäre der Mensch nicht lebensfähig. Hier befinden sich, mit rund 30 Billionen Exemplaren - die mit Abstand meisten Mikroorganismen im Körper. Alle zusammengenommen haben eine Masse von rund einem Kilogramm. Die meisten davon sind Bakterien. Sie helfen nicht nur bei der Aufspaltung ansonsten unverdaulicher Ballaststoffe aus der Nahrung und der Produktion von lebenswichtigen Vitaminen, Botenstoffen und Hormonen, sondern regulieren auch die Immunabwehr und den Stoffwechsel. Doch nicht nur das: Neuesten Erkenntnissen zufolge, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung des Darmmikrobioms auch Einfluss auf unsere Psyche und unsere Stimmung nimmt. Andersherum kann die mentale Verfassung wiederum die Zusammensetzung des Darmmikrobioms verändern. Denn der Darm und das Gehirn sind eng miteinander verbunden. 

Die Darm-Hirn-Achse: Wie Darm und Hirn miteinander „sprechen“ 

Die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn ist äußerst komplex und erfolgt über die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Redewendungen, wie „Schmetterlinge im Bauch haben“, „auf sein Bauchgefühl hören“, „auf den Magen schlagen“ und ähnliche beschreiben dieses Phänomen. Denn der komplette Magen-Darm-Trakt ist von einem riesigen Nervengeflecht durchzogen, dem sogenannten enterischen Nervensystem, das weitgehend autonom funktioniert. Anatomisch gesehen ähnelt das enterische Nervensystem stark den funktionalen Strukturen des Gehirns, evolutionstechnisch ist aber wesentlich älter. Mit über 100 Millionen Nervenzellen besitzt das enterische Nervensystem vier bis fünf Mal mehr Neuronen als das Rückenmark. Der Magen-Darm-Trakt wird deshalb auch als „zweites Gehirn“ oder „Bauchhirn“ bezeichnet. Über den Vagusnerv, den größten Hirnnerv und Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems, stehen Bauch- und Kopfhirn in ständigem direktem Kontakt miteinander. Das Gehirn weiß also immer, was im Magen-Darm-Trakt vor sich geht und umgekehrt. Interessant ist dabei zu beobachten, dass rund 90 Prozent der Anweisungen vom Bauch in Richtung Gehirn gehen und dagegen nur rund zehn Prozent vom Gehirn zum Bauch verlaufen. 

Anna Liebig

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Biochemische Kommunikation zwischen Kopf und Bauch 

Ein Austausch zwischen Gehirn und Darmmikrobiom findet aber nicht nur über Nervenbahnen, sondern auch auf biochemischen und hormonellen Wegen statt. So werden kurzkettige Fettsäuren, die im Gehirn für Gedächtnis, Lernen, aber auch Emotionen wichtig sind, sowie über 30 verschiedene Hormone und Botenstoffe, die unter anderem auch die Stimmung und das Wohlbefinden regulieren, überwiegend von Bakterien des Darmmikrobioms produziert. Dazu gehören unter anderem Oxytocin, ein Hormon, das das Bindungsverhalten unterstützt und deshalb auch Kuschelhormon genannt wird oder auch Gamma-Aminobuttersäure, kurz GABA, ein Signalstoff, der Stress reduziert.

Außerdem finden ein Großteil der Dopamin- sowie über 90 Prozent der Serotonin-Produktion im Darm statt, zwei Neurotransmitter, die auch als Glückshormone bekannt sind. Wie gut und effektiv die Produktion all dieser wichtigen Stoffe im Darm funktioniert, und der Körper entsprechend damit versorgt wird, hängt allerdings ganz wesentlich vom Gesundheitszustand der Darmflora ab.

Optimalerweise sollte das Darmmikrobiom möglichst vielfältig zusammengesetzt sein, also viele unterschiedliche Bakterienarten enthalten. Das lässt sich vor allem über eine abwechslungs- und ballaststoffreiche Kost, verbunden mit einem gesunden Lebensstil, erreichen. Denn die winzigen nützlichen Helferlein im Darm ernähren sich fast ausschließlich von unverdaulichen Pflanzenfasern, also Ballaststoffen, und reagieren empfindlich auf Stress. Unser moderner westlicher Lebensstil aber, geprägt von hohen Arbeitsanforderungen, wenig Bewegung sowie einer Ernährung mit überwiegend zucker- und fettreichen sowie hochverarbeiteten und ballaststoffarmen Lebensmitteln, steht dem leider ziemlich entgegen.  

Relevanz für Pflegekräfte: Stress, Schichtarbeit, Ernährung 

Gerade Menschen in Pflegeberufen können ein Lied davon singen. Denn leider sind die Rahmenbedingungen für einen gesunden, entspannten Lebensstil in diesem Berufsfeld nicht immer optimal. So ist das Arbeitspensum in der Regel hoch und es herrscht starker Zeitdruck. Neben den körperlichen müssen vielfach auch emotionale Herausforderungen gemeistert werden. Und wer viel für andere da ist, vergisst oft die eigenen Bedürfnisse. Dazu kommt die Arbeit im Schichtdienst, die nicht selten zu Schlafproblemen, Schlafmangel, Phasen von starker Müdigkeit sowie Heißhungerattacken führt. In den kurzen, oft unregelmäßigen, Pausen, die zur Verfügung stehen, sind dann schnelle Fertiggerichte sehr willkommen, neben praktischen Snacks und Fastfood, wie Chips, Schokoriegeln, Keksen und Co, die schnell satt machen und handlich nebenbei verzehrt werden können. Doch diese Art der Ernährung gepaart mit Stress hat auf Dauer einen hohen Preis: die Darmgesundheit.   

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Einfluss des Mikrobioms auf die Psyche 

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass eine einseitige zucker- und fettreiche Ernährung mit hochverarbeiteten Lebensmitteln und wenig Ballaststoffen innerhalb kurzer Zeit zu einem Ungleichgewicht der Darmflora, einer sogenannten Dysbiose, führt. Weil den nützlichen Bakterien die Nahrung fehlt, verkümmern sie und ihre Anzahl sowie Vielfalt im Darm nimmt deutlich ab. Schädliche, entzündungsfördernde Artgenossen, die sich hauptsächlich von Zucker ernähren, können sich dann entsprechend stark vermehren.  

Auswirkungen von schlechter Darmgesundheit: Müdigkeit, Stressanfälligkeit, Depressionen 

Infolge der Schräglage stehen dem Körper nun aber auch entsprechend weniger kurzkettige Fettsäuren sowie stimmungsstabilisierende und angstlösende Hormone und Botenstoffe zur Verfügung. Das kann wiederum Auswirkungen auf die Psyche haben. In einer Studie1) aus 2011 konnte bei Mäusen mit einer gestörten Darmflora, aufgrund der geringeren GABA-Ausschüttung, eine erhöhte Stress- und Angstreaktion gemessen werden. Die gezielte Gabe eines Lactobacillus-Bakterienstamms, der GABA im Darm produziert, verringerte das stressbedingte Angst- und Depressionsverhalten anschließend wieder. In einer anderen Untersuchung2) aus 2016 wurde Ratten der Stuhl von depressiven Patienten transplantiert. In der Folge konnten Veränderungen im Tryptophan-Stoffwechsel – einer Vorstufe des Serotonins – festgestellt werden und die zuvor unauffälligen Ratten zeigten anschließend ein signifikant ängstlich-depressives Verhalten.  

Dysbiose kann die Durchlässigkeit des Darms erhöhen 

Neben dem Mangel an wichtigen Hormonen und Neurotransmittern kann eine anhaltende Dysbiose aber auch zu einer Schädigung der schützenden Darmbarriere führen. Denn, wenn den nützlichen Darmbakterien, aufgrund des chronischen Ballaststoffmangels, dauerhaft die Nahrung fehlt, beginnen sie in ihrer Not die Zellen der Darmschleimhaut zu verstoffwechseln. Dadurch wird die Darmwand entsprechend durchlässiger. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom „Leaky-Gut-Syndrom“, also löchrigen Darm. Schädliche Keime sowie deren Stoffwechselprodukte, die normalerweise über den Darm ausgeschieden werden, können dann in den Körper gelangen und systemische Entzündungsreaktionen verursachen, die wiederum mit Depressionen, Müdigkeit und Reizbarkeit in Zusammenhang stehen. Andersherum kann aber auch die Psyche Einfluss auf die Zusammensetzung des Mikrobioms nehmen. Insbesondere von anhaltendem psychosozialem Stress, weiß man schon länger, dass er die Anzahl der nützlichen Bakterien im Darm verringert und damit die Immunkraft sowie die mentale Verfassung nachhaltig beeinträchtigt.  

Wissenschaft steht noch am Anfang 

Die Forschung zur Bedeutung des Darmmikrobioms für die mentale Gesundheit hat in den letzten Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen. Noch steckt sie aber weitgehend in den Kinderschuhen. Zwar ist in Tierversuchen ein deutlicher Zusammenhang zwischen Darm und Psyche erkennbar, bislang ist aber noch nicht klar, inwieweit diese Erkenntnisse auch auf den Menschen übertragbar sind. Dass die Darmgesundheit für die physische und psychische Gesundheit aber eine wichtige Rolle spielt, steht inzwischen außer Frage. Eine Hoffnung und ein fernes Ziel der Wissenschaft ist es, über die gezielte Gabe von fehlenden Bakterienstämmen im Darmmikrobiom psychische Erkrankungen, wie Depression und Ängste, besser therapieren zu können. Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg.  

Wie fördere ich meine Darmgesundheit? 

Doch bereits jetzt hat jeder die Möglichkeit seine Darmgesundheit positiv zu beeinflussen und damit seine körperliche sowie psychische Gesundheit aktiv zu unterstützen. Das ist gar nicht so schwer. Wie das genau das funktioniert, und wie auch Menschen mit einem fordernden Berufsalltag, wie Menschen in Pflegeberufen, das praktisch umsetzen können, lesen Sie hier. 

Fazit

Bedeutung der Darmgesundheit für mentale Belastbarkeit 

  • Die Darmgesundheit spielt für die mentale Belastbarkeit und psychische Gesundheit eine große Rolle. Darüber ist sich die Wissenschaft einig. 
  • Ein gesunder Darm ist geprägt von einem gesunden Darmmikrobiom, einem Ökosystem aus Billionen unterschiedlicher Mikroorganismen, die im Darm leben und zentral wichtige Funktionen für den Körper erfüllen.  
  • Über die Darm-Hirn-Achse stehen Kopf und Bauch in ständigem intensivem Kontakt miteinander und beeinflussen sich gegenseitig. 
  • Die Kommunikation erfolgt über Nervenbahnen, aber auch über Hormone und Neurotransmitter, die überwiegend von Bakterien des Darmmikrobioms produziert werden. 
  • Ungesunde Ernährung und Stress schaden dem Darmmikrobiom, indem nützliche Bakterien absterben und die schützende Darmwand durchlässiger wird. 
  • In Tierversuchen konnte ein Zusammenhang zwischen einem Ungleichgewicht der Darmflora und psychischen Erkrankungen beobachtet werden. 

Medizinische und rechtliche Hinweise:

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Quellen

  1. Bravo, J. A., et al. (2011). Ingestion of Lactobacillus strain regulates emotional behavior and central GABA receptor expression in a mouse via the vagus nerve. Proceedings of the National Academy of Sciences U.S.A., 108(38), 16050-16055. https://doi.org/10.1073/pnas.1102999108
  2. Kelly, J. R., et al. (2016). Transferring the blues: Depression-associated gut microbiota induces neurobehavioural changes in the rat. Journal of Psychiatric Research, 82, 109-118. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2016.07.019
  3. Cryan, J., et al. (2022). Microbiota–brain axis: Context and causality. Science, 376, 938-939. https://doi.org/10.1126/science.abo4442
  4. Maes, M., et al. (2008). The gut-brain barrier in major depression: Intestinal mucosal dysfunction with an increased translocation of LPS from gram-negative enterobacteria (leaky gut) plays a role in the inflammatory pathophysiology of depression. Neuro Endocrinology Letters, 29(1), 117-124.
  5. Desai, M. S., et al. (2016). A dietary fiber-deprived gut microbiota degrades the colonic mucus barrier and enhances pathogen susceptibility. Cell, 167(5), 1339-1353.e21. https://doi.org/10.1016/j.cell.2016.10.043
  6. Refisch, A., et al. (2023). Die Bedeutung des humanen Mikrobioms für die psychische Gesundheit. Nervenarzt, 94, 1001–1009. https://doi.org/10.1007/s00115-023-01552-x
  7. Cryan, J. F., et al. (2019). The microbiota-gut-brain axis. Physiological Reviews, 99(4), 1877-2013. https://doi.org/10.1152/physrev.00018.2018
  8. Chang, H., et al. (2024). Stress-sensitive neural circuits change the gut microbiome via duodenal glands. Cell, 187, 1–20. https://doi.org/10.1016/j.cell.2024.09.001
  9. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). (o. D.). Abgerufen am 22. April 2025, von https://www.dge.de/
  10. Internisten im Netz. (o. D.). Psyche & Verdauungssystem. Abgerufen am 22. April 2025, von https://www.internisten-im-netz.de/fachgebiete/psyche-koerper/psyche-verdauungssystem.html

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