Sucht im Alter: Ein unterschätztes Problem mit Tabu-Potenzial

Veröffentlicht am 20.12.2025

Nahaufnahme von Händen, die neben dem Bein abgelegt sind.

Sucht im Alter bleibt oft unerkannt. Quelle: Canva.de

Das inzwischen zur Gewohnheit gewordene ein oder andere Schnäpschen oder Glas Wein/Bier zur vermeintlichen Entspannung, die regelmäßige Zigarette oder auch (die verordneten) Tabletten zur Beruhigung oder gegen Schlafprobleme: Ob Alkohol, Medikamente, Tabak oder stundenlange Computeraktiviäten – Sucht im Alter kommt weit häufiger vor als gedacht. Denn die Dunkelziffer ist erschreckend hoch, und umso wichtiger ist es daher, Suchtprobleme im Alter möglichst rechtzeitig zu erkennen, um darauf überhaupt und möglichst früh reagieren zu können. Eine durchaus große Herausforderung für dich als Pflegekraft, bei der wir dich hier gern mit ein paar Tipps unterstützen möchten.

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Anders als häufig angenommen, endet Sucht nicht automatisch mit dem Renteneintritt oder dem Älterwerden. Im Gegenteil: Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, dass sich bestehende Abhängigkeiten verfestigen oder neue entstehen. Und Suchterkrankungen zeigen sich bei älteren Menschen häufig subtiler und anders als in jüngeren Jahren.

Sucht – was ist das?

Hinter der Bezeichnung „Sucht“ verbirgt sich ein dauerhaftes, zwanghaftes Verhalten im Umgang mit Suchtmitteln oder suchtähnlichen Aktivitäten, das zu körperlichen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen führt.

Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS e.V.) leiden derzeit mindestens 400.000 Menschen >60 Jahren hierzulande an einer Alkoholabhängigkeit und bis zu drei Millionen Personen in dieser Altersgruppe nehmen zu viele psychoaktive Medikamente wie Schlaf-, Beruhigungs- oder Schmerzmittel ein.

Anna Liebig

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Sucht- bzw. Abhängigkeitserkrankungen bei älteren Menschen gelten nach wie vor und bedauerlicherweise als Tabu-Thema mit unterschätzter Bedeutung hinsichtlich der psychischen und physischen Gesundheit. Umso wichtiger ist es, dass du als Pflegekraft dahingehend einen wachen Blick behältst, um möglichst frühzeitig Unterstützung anbieten zu können – beispielsweise über das ärztliche Behandlungsteam als erste Ansprechadresse.

Häufige Formen von Suchterkrankungen im Alter

Suchterkrankungen im Alter haben viele Gesichter und folgen keinem festen Schema.

Alkoholabhängigkeit
Alkohol gilt als die am weitesten verbreitete Sucht im Alter. Viele ältere Menschen konsumieren regelmäßig kleinere Mengen, die langfristig zur Abhängigkeit führen können. Häufig fällt der Konsum nicht auf, da er gesellschaftlich akzeptiert ist und körperliche Symptome oft anderen Krankheiten zugeordnet werden.

Medikamentenabhängigkeit
Suchtgefahr besteht hier vor allem bei Menschen, die regelmäßig Schlaf-, Beruhigungs- oder Schmerzmittel einnehmen. Benzodiazepine, bestimmte Schlafmittel (sogenannte Z-Substanzen, die mit dem Buchstaben „Z“ beginnen wie beispielsweise Zolpidem, Zopiclon oder Zaleplon) oder auch Opiate können zügig zu einer körperlichen und psychischen Abhängigkeit führen. Durch häufige Arztwechsel und mangelnde Medikamentenübersicht bleibt diese Form der Sucht leider oft unerkannt.

Nikotinabhängigkeit
Gerade bei älteren Menschen ist jahrzehntelanger Nikotinkonsum verbreitet und trotz bekannter gesundheitlicher Risiken fällt der Tabakverzicht alten Menschen schwer, zumal sie oft schwerer Zugang zu entsprechenden Entwöhnungsprogrammen bekommen, die immer häufiger in digitaler Form angeboten werden.

Nichtstoffliche Abhängigkeitserkrankungen
Auch Verhaltenssüchte wie Spielsucht, Kaufsucht oder übermäßige Mediennutzung treten bei älteren Menschen auf, insbesondere wenn Einsamkeit und Langeweile den Alltag bestimmen.

Sucht im Alter: Ursachen und Risikofaktoren

Suchtverhalten im Alter entsteht selten aus dem Nichts. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen:

  • Veränderungen im Umfeld
    Der Verlust von Partner:innen, Freund:innen oder der sozialen Rolle kann in Einsamkeit und Depression münden. Alkohol oder Medikamente werden dann zur „Selbstmedikation“.
  • Körperliche Erkrankungen
    Schlafstörungen, Angstzustände oder chronische Schmerzen erhöhen das Risiko, zur Linderung auf entsprechende Medikamente mit Suchtpotenzial zurückzugreifen.
  • Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit
    Der Verlust an Selbstbestimmung und Kontrolle über den eigenen Alltag kann als emotionaler Auslöser ein Suchtverhalten anschieben oder verstärken.
  • Fehlende Aufklärung
    Ältere Menschen und ihre Angehörigen unterschätzen oft die Wirkung von Medikamenten und Alkohol im Alter. Durch einen im Alter veränderten Stoffwechsel wirken diese Substanzen stärker und länger.
  • Medizinisches System
    Trotz inzwischen etablierter elektronischer Patientenakte (EPA): Mehrfachverordnungen, unzureichende Kommunikation zwischen behandelnden Ärzt:innen und fehlendes Medikationsmanagement tragen noch immer zu Fehlmedikationen und Medikamentenmissbrauch bei.

Folgen von Abhängigkeitserkrankungen im Alter

Suchterkrankungen im Alter nehmen gleich auf mehreren Ebenen Einfluss auf das Wohlbefinden und die Gesundheit. Bei den körperlichen Symptomen dominieren ein erhöhtes Sturzrisiko, Leberschäden, Herz-Kreislauf-Probleme, kognitive Einschränkungen oder Delirzustände. Auf psychischer Ebene stehen Depressionen, Ängste, Scham und sozialer Rückzug im Vordergrund; außerdem kommt es im sozialen Bereich häufiger zu Konflikten mit Angehörigen, Vereinsamung und Verlust der Selbstständigkeit.

Im Pflegebereich ergibt sich dadurch oft ein erhöhter Betreuungsaufwand und eine erschwerte Medikationseinstellung. Außerdem steigt das Risiko für Pflegekräfte in puncto Fehleinschätzungen (zum Beispiel die Interpretation von Entzugserscheinungen als Demenzsymptome).

Alt und abhängig: Behandlung und Unterstützung

Die Behandlung von Suchterkrankungen im Alter erfordert ein ganzheitliches und individuell angepasstes Vorgehen, zu dem du als Pflegekraft viel beitragen kannst.

  • Hinschauen und ansprechen
    Pflegekräfte spielen eine Schlüsselrolle bei der Beobachtung von Verhaltensänderungen. Einfühlsame, wertfreie Gespräche sind bereits der erste Schritt zur Hilfe.
  • Medizinische Unterstützung ins Boot holen
    Ärztliche Überwachungen, gegebenenfalls eine Entzugsbehandlung und medikamentöse Begleitung helfen bei der Suchtbekämpfung und sind dabei auch oft unerlässlich; je nach Ausprägung der Süchte auch im stationären Setting einer geriatrisch-psychiatrischen Einrichtung.
  • Psychosoziale Unterstützung nutzen
    Gesprächsgruppen, Einzeltherapie, Ergotherapie und eine strukturierte Tagesgestaltung fördern die psychische Stabilisierung und können dadurch die Suchtgefahr mindern.
  • Angehörige einbeziehen
    Angehörige sollten über Suchtrisiken, Medikamentenwirkungen und Unterstützungsangebote informiert werden und auch nicht davor zurückscheuen, sich selbst Hilfe in Angehörigengruppen zu suchen.
  • Die Augen offen halten
    Regelmäßige Beobachtung des Konsumverhaltens, sorgfältige Medikamentendokumentation, Motivation zur Teilhabe an Aktivitäten sowie Stärkung des Selbstwertgefühls.
Tipp: Weniger ist manchmal mehr

Nicht zwingend geht es unbedingt in der primären Zielsetzung darum, eine komplette Abstinenz zu erreichen, die oftmals im hohen Lebensalter nicht immer realistisch umsetzbar ist. Auch eine kontrollierte Reduktion und Schadensminimierung können als gesetztes Ziel im ersten Schritt oder generell weiterhelfen im Hinblick auf die Lebensqualität der Betroffenen, die an allererster Stelle steht.

Vorbeugen ist besser als heilen: Prävention und Aufklärung

Als Pflegekraft kannst du aktiv bei der Suchtprävention mitwirken. Denn oft bist du die- oder derjenige, der am nächsten dran ist und am ehesten etwas mitbekommt, was auf eine Abhängigkeitserkrankung beziehungsweise einen riskanten Konsum hindeuten könnte.

Darüber hinaus kannst du wertvolle Aufklärungsarbeit zum Thema „Sucht im Alter“ leisten, suchtpräventiv die Ressourcen der von dir betreuten Personen unterstützen und das Medikationsmanagement in Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Team und der liefernden Apotheke sorgfältig im Blick behalten hinsichtlich potenzieller Doppelverordnungen suchtfördernder Substanzen.

Tipp: Mit mehr Wissen gemeinsam gegen Suchterkrankungen!
Der Umgang mit suchtkranken (alten) Menschen erfordert viel Wissen und Fingerspitzengefühl. Entsprechende Schulungsangebote können dir dabei helfen, dich im Umgang mit den Betroffenen sicherer zu fühlen und den Betroffenen dabei zu helfen, den Griff zu Suchtmitteln zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren (z.B. Weiterbildungen zu Entspannungstechniken, Schlafhygiene und Schmerzbewältigung).
Interne Fortbildungen im Team fördern die Aufmerksamkeit für Suchtthemen bei pflegebedürftigen Menschen und tragen dazu bei, die damit verbundene Stigmatisierung zu verringern.

Fazit

Sucht im Alter ist kein Randthema, sondern ein relevantes Pflegeproblem mit wachsender Bedeutung. Pflegekräfte haben die Chance – und auch die Verantwortung – Suchtverhalten frühzeitig zu erkennen, empathisch anzusprechen und passende Hilfen zu vermitteln. Entscheidend dabei ist ein respektvoller, ressourcenorientierter Umgang mit Betroffenen, der nicht moralisiert, sondern Wege zu mehr Lebensqualität eröffnet. Nur durch Aufklärung, Teamarbeit und kontinuierliche Sensibilisierung lässt sich Sucht im Alter erkennen, behandeln und langfristig vorbeugen beziehungsweise verhindern.

Die häufigsten Fragen zu Suchterkrankungen im Alter

Wie häufig ist Sucht im Alter?

Die Datenlage dazu ist relativ begrenzt und basiert vorwiegend auf Schätzungen oder eigenen Angaben. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS e.V.) sind in Deutschland rund 400.000 Menschen über 60 Jahren alkoholabhängig. Gleichzeitig nehmen zwischen 1,7 und 2,8 Millionen ältere Menschen hierzulande psychoaktive Medikamente wie Schlaf-, Schmerz- oder Beruhigungsmittel in zu hohem Maße ein.

Welche Suchtarten treten im Alter am häufigsten auf?

An erster Stelle steht die Alkoholabhängigkeit beziehungsweise ein riskanter Alkoholkonsum (bei Männern häufiger als bei Frauen), gefolgt von einer Medikamentenabhängigkeit oder dem Missbrauch psychoaktiver Arzneimittel. Rund ein Viertel der über 70-Jährigen erhält Psychopharmaka, gut 13 Prozent davon in Form von Benzodiazepinen, die ein hohes Abhängigkeitspotenzial besitzen. Und mehr als 2 Millionen ältere Menschen rauchen hierzulande. Verhaltenssüchte bei Senior:innen, wie zum Beispiel Spiel- oder Computersucht, fallen in der Praxis zunehmend auf; wissenschaftliche Untersuchungen dazu fehlen jedoch bisher.

Woran erkennt man Suchterkrankungen bei älteren Menschen?

Suchterkrankungen im Alter zu erkennen, stellt eine ganz besondere Herausforderung dar, da sie oft mit unspezifischen Symptomen einhergehen und sich daher leicht mit Alterserscheinungen, Demenzsymptomen oder Depressionen verwechseln lassen. Zu den allgemeinen Warnsignalen zählen unter anderem Verhaltensänderungen (z.B. Stimmungsschwankungen), körperliche Auffälligkeiten (z.B. Appetitverlust, vermehrte Stürze), psychische Symptome (z.B. Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen), soziale Hinweise (z.B. Vernachlässigung von Kontakten oder der Körperpflege) oder Veränderungen im Tagesablauf (z.B. Unruhe, heimliches Verhalten).

Medizinische und rechtliche Hinweise:

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Quellen

Diakonie Deutschland. Wissen kompakt: Sucht im Alter; abgerufen am 01.11.2025 von: https://www.diakonie.de/informieren/infothek/2024/januar/wissen-kompakt-sucht-im-alter#c2657

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. Sucht im Alter; abgerufen am 01.11.2025 von:

https://www.dhs.de/lebenswelten/sucht-im-alter

Fachstelle für Suchtprävention Berlin gGmbH. Sucht im Alter; abgerufen am 01.11.2025 von:

https://www.berlin-suchtpraevention.de/themen/sucht-im-alter/

BARMER: Sucht im Alter: Welche Gefahren besonders Senioren drohen; abgerufen am 01.11.2025 von:

https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/psyche/sucht/sucht-im-alter-1054700

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