Wir, das Team von Pflegia, blicken begeistert auf zwei intensive Tage in Berlin zurück: Am 5. und 6. November trafen sich Fachkräfte aus der Akut- und Langzeitversorgung, Wissenschaft, Bildung und Politik unter dem Kongressmotto „Pflege bleibt“, um gemeinsam die Zukunft der Pflege mitzugestalten. In diesem Rückblick fassen wir für euch die aus unserer Sicht wichtigsten Diskussionen und Impulse des Pflegetags 2025 zusammen.
Der Pflegetag 2025 stand unter dem Motto: „Pflege bleibt“
Das diesjährige Motto des Deutschen Pflegetags: „Pflege bleibt“ vermittelt eine klare Botschaft, die auch wir an den Veranstaltungstagen spüren konnten. Das Motto ist kein Plädoyer für Stillstand, sondern eine selbstbewusste Aufforderung. Pflege bleibt, und zwar laut, maßgeblich und wandelbar. Die Pflege bleibt auch nicht zuletzt durch ihre vielen Akteure, wozu auch wir von Pflegia als eines der führenden Jobportale für Pflegekräfte in Deutschland zählen.
In Zeiten, in denen die Pflegebranche vor tiefgreifenden strukturellen, digitalen und gesellschaftlichen Herausforderungen steht, wird das Motto zum Ausdruck von Zusammenhalt und Selbstbewusstsein. Es erinnert daran, dass Pflege nicht nur systemrelevant ist, sondern identitätsstiftend – für alle, die tagtäglich Verantwortung übernehmen.
Pflegetag 2025: Pflege als gestaltende Kraft
Bereits in der Einführungsveranstaltung wurde deutlich: Pflege kann mehr, als sie aktuell darf. Sie ist nicht nur eine Kraft am Bett, sondern eine entscheidende Gestalterin der Versorgung. Themen wie Befugniserweiterung, die Weiterentwicklung der generalistischen Ausbildung und die Integration von Fachpersonen in politische Entscheidungsprozesse wurden intensiv diskutiert. Besonders die Digitalisierung der Pflege war ein wiederkehrendes Thema.
Dr. Carsten Steinhoff vom Verband für digitale Standards in der Pflege betonte: „Digitalisierung funktioniert nur gemeinschaftlich“ und dass Standardisierung Innovationen nicht hemmt, sondern fördert.
Vollständig elektronische Prozesse, interoperable Systeme und eine stärkere Vernetzung verschiedener Akteure sind nach wie vor zentrale Erfolgsfaktoren. Gleichzeitig wurde klar: Deutsche neigen zur Perfektion, dabei sind die berühmte Mut zur Lücke und das Mind Change wichtig, um voranzukommen.
Die Fachkräftegewinnung als Thema beim Pflegetag 2025
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Gewinnung von Pflegefachkräften aus dem Ausland. Dr. Roland Jopp vom Bundesministerium für Gesundheit hob die Bedeutung der Parallelisierung von Anerkennungsprozessen hervor: Durch frühzeitige Behördeneinbindung im Herkunftsland ließen sich bürokratische Verzögerungen reduzieren. Kulturelle Unterschiede und der Stellenwert des Pflegeberufs in den Herkunftsländern spielen ebenfalls eine Rolle.
Heiko Maas betonte den politischen Aspekt: Es ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem, wenn Krankenhäuser nicht genug Betten belegen können – nicht, weil Pflegebedürftige fehlen, sondern weil es an Personal mangelt. Die Integration von Pflegefachkräften beginnt daher mit dem richtigen Matching zwischen Qualifikationen und Einsatzbereichen.
In der Session „Muss-Kann-Soll“ wurde die Umsetzung der Krankenhausreform diskutiert. Zentrale Herausforderungen:
- Kliniken haben nicht immer das passende spezialisierte Personal für die zugewiesenen Leistungsgruppen.
- Universitätskliniken fühlen sich strukturell benachteiligt, was Innovationsprozesse hemmt.
- Die Reform fordert Zentralisierung und Spezialisierung – häufig fehlt dafür jedoch das Personal.
- Pflegekräfte werden unzureichend in die Transformationsprozesse eingebunden, obwohl sie direkt betroffen sind.
Die zentrale Frage lautete: Wie wird der Wegfall von spezialisiertem Pflegepersonal die Versorgungssicherheit beeinflussen? Ohne klare Qualifikationszuordnung droht eine Entwertung spezialisierter Kompetenzen, während die Bündelung in Spezialisierungszentren nur funktioniert, wenn Kliniken die notwendigen Stellen schaffen und besetzen.
Pflegepolitik am Wendepunkt, nicht nur auf dem Pflegetag 2025
In der Politico-Talk-Session – Zukunft der Pflegepolitik & politische Lösungsansätze auf dem Deutschen Pflegetag 2025 diskutierten Serdar Yüksel, Mitglied des Deutschen Bundestages (SPD-Gesundheitsausschuss, examinierter Krankenpfleger), und Sandra Postel, Präsidentin der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen, über die aktuelle Lage und mögliche Wege für die Zukunft der Pflege.
Die Kernpunkte der Diskussion:
Pflegepolitik verliert sich in Themenfülle
Politiker:innen sprechen häufig über Rahmenfragen, aber konkrete Pflegeprobleme geraten zu wenig in den Fokus. „Es liegen 100 Themen auf dem Tisch – aber niemand priorisiert, was zuerst umgesetzt wird.“ Expertenkommissionen werden oft genutzt, um Antworten zu liefern, statt verbindliche Entscheidungen zu treffen.
Finanzierung und Sozialversicherungssysteme
Notwendig sei laut den Speakern eine finanzielle Stabilisierung der Pflegeversicherung. Zehn Milliarden Euro seien aus dem System entzogen worden, und zweckentfremdete Corona-Mittel müssten zurückgeführt werden. Langfristige Lösungen wie eine Bürgerversicherung oder ein einheitliches System seien dringend zu prüfen, Pflegegeld 1 könne nicht einfach abgeschafft werden.
Vergütung und wirtschaftlicher Druck
Das aktuelle DRG-System führt zu Fehlanreizen: Krankenhäuser versuchen, Leistungen auszudehnen, um wirtschaftlich zu bleiben. Lösungsvorschlag: Vorhaltepauschalen, also eine Grundfinanzierung unabhängig von Fallzahlen.
Krankenhausstrukturen und Effizienz
Krankenhäuser müssen spezialisierter werden, Notfallversorgung gesichert sein – dies ist jedoch nur möglich, wenn Finanzierung und Personal gegeben sind.
Digitalisierung und KI
KI und digitale Lösungen könnten Effizienz und Entlastung bringen, stoßen aber auf Hürden: unzureichende TI-Anbindung, komplizierte ePA, fehlendes IT-Fachpersonal und Zeitmangel in der Pflege für Schulungen. Die zentrale Frage bleibt: Wer implementiert die Digitalisierung, wenn die Strukturen fehlen?
Pflege im System: offene Fragen
Die politische Debatte konzentriert sich auf Strukturen, nicht auf die Pflegekräfte selbst. Zentrale Pflegeprobleme werden nicht konsequent priorisiert, und viele Einrichtungen fürchten, dass Kosten für Digitalisierung auf Bewohner:innen oder Patient:innen umgelegt werden.
Die Herausforderungen sind längst bekannt, doch es fehlt an klaren Prioritäten und verbindlichen Entscheidungen. Pflegefachpersonen werden zu wenig in die Strukturen eingebunden, und ohne ausreichende Ressourcen bleiben Reformen wirkungslos – besonders bei Finanzierung, Digitalisierung und Krankenhausorganisation.
Droht die Pflegepolitik zu kippen? Pflegetag 2025 liefert Antworten
Auch die Session „Pflegepolitik am Wendepunkt – Finanzieren, Reformieren, Zukunft sichern“ zeigt: Die Pflegeversicherung steht vor massiven Herausforderungen. Fachkräftemangel, steigender Pflegebedarf und der demografische Wandel setzen das System unter Druck. Politische Prozesse laufen oft ohne direkte Einbindung von Pflegefachpersonen, Prioritäten fehlen und finanzielle Mittel werden nicht gezielt eingesetzt.
Digitale Lösungen bieten Chancen, werden jedoch durch fehlende Ressourcen, Schulungen und IT-Strukturen kaum genutzt. Auch pflegende Angehörige stoßen auf Hürden: Technik, Finanzierung und fehlende Verstetigung von Modellprojekten erschweren ihren Alltag.
Trotz allem gibt es Hoffnung: Das gestiegene politische und öffentliche Interesse sowie das Engagement auf dem Pflegetag zeigen, dass Veränderung möglich ist – wenn Fachkräfte und Angehörige zielgerichtet eingebunden werden.
Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerates, betonte: „Pflege kostet nicht nur, sie bringt auch etwas.“ Bildung, Wohnen und Pflege bilden das gesellschaftliche Fundament, so Christine Vogler. Wir von Pflegia meinen: Genau darauf müssen politische Entscheidungen fußen.
Unser Fazit zum Deutschen Pflegetag 2025
Uns haben die Diskussionen auf dem Deutschen Pflegetag 2025 deutlich nähergebracht: Reformen in der Pflegepolitik gelingen nur, wenn Pflegefachpersonen und Angehörige aktiv in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Ohne klare Prioritäten und ausreichende Ressourcen bleibt die Pflegeversicherung ein System im Dauerkrisenmodus. Digitalisierung, Qualifizierung und strukturelle Entlastung müssen endlich zusammen gedacht werden – nicht als Einzelmaßnahmen, sondern als gemeinsamer Auftrag für Politik, Praxis und Gesellschaft.