Multitasking in der Pflege – sinnvoll oder riskant?

Veröffentlicht am 08.02.2026

Eine Frau telefoniert am Schreibtisch und blickt gleichzeitig auf ihr Smartphone.

Multitasking führt nicht zu mehr Effizienz im Pflegealltag. Quelle: Canva.de

Multitasking ist in der Pflege Alltag: Du bereitest Medikamente vor, während der Rufknopf ertönt, ein Angehöriger anruft und du gleichzeitig Vitalwerte dokumentierst. In diesem Artikel erfährst du, was Multitasking genau bedeutet, was im Gehirn dabei passiert und warum es in der Pflege besonders riskant sein kann – von der Definition über neurowissenschaftliche Erklärungen bis hin zu praktischen Strategien, wie du multitaskingfähiger wirst.

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Was bedeutet Multitasking? Definition und Begriffsklärung

Multitasking (englisch für „Vielaufgabentätigkeit“) beschreibt das gleichzeitige Bearbeiten mehrerer Aufgaben oder das rasche Wechseln zwischen ihnen, sodass es wirkt, als ob du „alles gleichzeitig“ erledigst. Auf Deutsch wird es oft als “ Parallelverarbeitung “oder “Aufgabenwechseln” übersetzt – ein Konzept aus der Informatik, das auf menschliche Arbeit übertragen wurde. Es umfasst nicht nur bewusste Entscheidungen, sondern auch unbewusste Wechsel durch Unterbrechungen wie Anrufe, Alarme oder Patientenfragen.

Übrigens:
Die Geschlechterunterschiede sind minimal, das Gehirn aller Menschen task-switcht ähnlich ineffizient.

In der Pflege zeigt sich Multitasking z.B. darin, dass du Infusionen wechselst, während du Schmerzpumpen überprüfst, Laborwerte notierst und auf einen Arzttermin reagierst. Es wirkt effizient, kostet aber kognitive Ressourcen und birgt Risiken, die in einem sicherheitskritischen Beruf nicht bagatellisiert werden sollten.

Trotz des Zeitdrucks ist Multitasking kein modernes Phänomen: Schon in den 1980er Jahren beschrieben Arbeitspsychologen, wie Unterbrechungen die Leistung mindern. Heute, mit Digitalisierung (Alarme, Apps, Dokumentationssysteme), ist der Druck und die unterbewusste Belastung noch höher.

Anna Liebig

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Die neurowissenschaftliche Erklärung: Was passiert im Gehirn bei Multitasking?

Dein Gehirn kann keine zwei komplexen Aufgaben wirklich quasi gleichzeitig verarbeiten – es task-switcht in Millisekundenbruchteilen. Dabei werden der präfrontale Kortex (Planung, Priorisierung), das Arbeitsgedächtnis und Belohnungszentren (Dopamin) stark beansprucht. Jeder Wechsel kostet „Switching Cots“: 0,5–1 Sekunde Neustartzeit, in der du dich neu fokussierst und Energie verbrauchst.

Physiologische Prozesse:

  • Dopamin: Fördert schnelle Wechsel, führt aber zu Überreizung
  • Cortisol: Steigt bei Überlastung, löst Stress aus
  • Kognitive Überlastung: Nach 20–30 Minuten sinkt die Kapazität und Fehler häufen sich

Langfristig schadet Multitasking deiner Psyche. Es schwächt Konzentration, Gedächtnis und erhöht Burnout-Risiken. Studien zeigen: Nach intensivem Multitasking braucht das Gehirn bis zu 23 Minuten, um in einen „Flow“ zurückzukehren.

Ist Multitasking gut fürs Gehirn?
 Nein – es trainiert kein „Supergehirn“, sondern führt zu chronischer Überlastung. Automatisierte Aufgaben (z.B. Gehen) laufen parallel, kognitive Aufgaben jedoch nicht.

Neuroimaging (MRT) belegt: Beim Multitasking leuchten mehrere Hirnregionen, aber ineffizient, sequenzielles Arbeiten jedoch aktiviert fokussiertere Netzwerke.

Multitasking in der Pflege: Warum es unvermeidlich, aber problematisch ist

Pflegekräfte erleben bis zu 20 Unterbrechungen pro Stunde, oft durch Alarme, Patient:innen oder Kolleg:innen. Personalmangel verstärkt den Druck: Du musst „alles gleichzeitig“ stemmen, von Hygiene über Medikation bis Administration.

Typische Szenarien:

  • Vitalparameter dokumentieren, während der Notruf kommt und Medikamente fällig sind
  • Schichtwechsel mit gleichzeitiger Patientenrunde und Telefonaten
  • Nachtschicht: Alarme managen, Dokumentation nachholen, Angehörige beruhigen

Diese Realität führt zu Fragmentierung: Keine Aufgabe wird vollständig abgeschlossen, was Stress und Frustration schürt.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) warnt: Multitasking trägt zu Medikationsfehlern und Patientenschäden bei, da kritisches Denken leidet.

Risiken von Multitasking: Patientensicherheit und Gesundheit

In der Pflege sind Fehler oft folgenschwer: Eine falsche Dosis, verspätete Alarmreaktion oder Dokumentationslücke kann lebensbedrohlich sein.

Konkrete Risiken:

  • Medikationsfehler: 12–18 % durch Ablenkung (falsche Patientin, Dosierung)
  • Dokumentationsfehler: Bis zu 30 % unvollständig
  • Verzögerte Interventionen: Alarme überhört, Notfälle unterschätzt
  • Psychische Belastung: Chronischer Stress, Schlafstörungen, Burnout (bis 40 % betroffen)
  • Physisch: Erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen.
Eine Studie zur Auswirkung von Arbeitsunterbrechungen und Multitasking auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigt, dass Pflegekräfte mit hohem Multitasking ein 2x höheres Erschöpfungsrisiko aufzeigen.

Vorteile von Multitasking?

Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dass Multitasking tatsächlich Zeit spart. Die Realität ist, dass „Switching“ dich mehr Zeit kostet als sequenzielles Arbeiten. In dieser Tabelle findest du Vor- und Nachteile des Multitaskings:

AspektVorteile (situativ)Risiken / Nachteile
EffizienzSchnelle Reaktion auf Dringendes40% mehr Zeit durch Switch-Kosten
FlexibilitätNotfälle abfedernFehlerrate +50% bei komplexen Tasks
TrainingÜbung bei einfachen WechselnChronische Überlastung, kein Transfer auf komplexe Aufgaben
PflegealltagUnterbrechungen managenBurnout-Risiko verdoppelt, Patientensicherheit gefährdet

Wie funktioniert Multitasking im Gehirn?

Der präfrontale Kortex übernimmt beim Multitasking die Priorisierung und steuert, welche Aufgabe gerade Aufmerksamkeit erhält. Das Arbeitsgedächtnis kann dabei nur eine begrenzte Menge an Informationen (etwa 7 ± 2 Elemente) gleichzeitig halten. Wird diese Kapazität überschritten, schaltet dein Gehirn in einen Stressmodus: Das limbische System, insbesondere die Amygdala, wird aktiv und löst Unruhe, Angst und Leistungsabfall aus. Dadurch sinken deine Konzentration, Entscheidungsqualität und Fehlerkontrolle deutlich.

Phasen eines Task-Switches:

  1. Wahrnehmung: Reiz (Alarm) erregt Aufmerksamkeit
  2. Inhibition: Aktuelle Aufgabe pausieren
  3. Neuausrichtung: Neue priorisieren
  4. Restart: Kontext reaktivieren (Zeitverlust!)

Nach ca. 30 Minutenwirst du kognitive Erschöpfung und verminderte Reaktionszeit feststellen.

Strategien und Training: Wie werde ich multitaskingfähig?

Multitasking komplett zu vermeiden, ist in der Pflege oft illusorisch – Personalmangel, ständige Unterbrechungen und der hohe Zeitdruck machen rasches Wechseln zwischen Aufgaben unvermeidlich. Dennoch kannst du Task-Switching optimieren, deine Belastung gezielt reduzieren und eine Art „professionelle Multitaskingfähigkeit“ entwickeln, die nicht auf Überforderung, sondern auf smarter Strukturierung basiert.

Das bedeutet: Du lernst, kritische Aufgaben zu schützen, Routineabläufe zu bündeln und deine kognitiven Ressourcen so einzusetzen, dass Fehler minimiert und deine Gesundheit geschont werden. Hier sind bewährte Strategien, die auf Arbeitspsychologie und Pflegeforschung beruhen und direkt im Alltag umsetzbar sind. „Multitaskingfähigkeit“ trainierst du durch Strukturierung, nicht Chaos.

Erweiterte Tipps:

  • Eisenhower-Matrix: Wichtig/Dringend sortieren
  • Time-Blocking: 25 Min. fokussiert, 5 min Denkpause - Restrukturierung (Pomodoro)
  • Checklisten: SBAR-Methode (Situation, Background, Assessment, Recommendation)
  • Team-Protokolle: Klare Übergaben reduzieren Wiederholungen
  • Digitale Hygiene: Benachrichtigungen pausieren

Trainingstipps:

  • Achtsamkeit (5 Min./Tag: Fokus üben)
  • Einzel-Tasking-Phasen einplanen – z.B. für Kritische (Medikamente)
Übrigens:
Die Eisenhower-Matrix hilft dir, Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit zu ordnen. Du teilst alles in vier Felder ein: Wichtig & dringend (sofort erledigen), wichtig, aber nicht dringend (planen), dringend, aber nicht wichtig (delegieren) und weder wichtig noch dringend (weglassen).

Multitasking und Burnout: Langfristige Folgen

Wenn du als Pflegekraft dauerhaft unter Multitasking stehst, bleibt dein Körper häufig im Stressmodus. Die dabei vermehrt ausgeschütteten Stresshormone Adrenalin und Cortisol können langfristig den Hippocampus schädigen, also den Bereich im Gehirn, der für Gedächtnis und Lernen zuständig ist, und zugleich das Risiko für depressive Symptome erhöhen.

Studien zeigen, dass etwa 30–50 % der Pflegekräfte Multitasking als einen der größten Stressfaktoren im Berufsalltag erleben – mit spürbaren Folgen für Konzentration, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit.

Prävention:

  • Schichtplanung mit Puffern
  • Supervision: Task-Management besprechen
  • Erholung: Schlaf priorisieren

Fazit: Multitasking in der Pflege – intelligent dosieren statt überfordern

Multitasking gehört für dich als Pflegekraft zwar zum Alltag, ist aber ein echter Gegner von Qualität und Gesundheit. Es überfordert das Gehirn, erhöht die Fehleranfälligkeit und steigert langfristig das Risiko für Erschöpfung und Burnout. Wenn du Aufgaben bewusst priorisierst, mit Zeitblöcken arbeitest, Checklisten nutzt und dich im Team gut abstimmst, kannst du ständige Aufgabenwechsel deutlich reduzieren. Ziel ist ein sinnvoller Umgang: kritische Tätigkeiten führst du konzentriert im Monotasking aus, während Routineaufgaben strukturiert kombiniert werden können – so schützt du dich selbst und deine Patient:innen.

Häufige Fragen zum Multitasking

Was versteht man unter Multitasking?

Multitasking bedeutet das gleichzeitige Bewältigen mehrerer Aufgaben oder das sehr schnelle Wechseln zwischen ihnen. Im Gehirn geschieht kein echtes Parallelverarbeiten, sondern rasches Task-Switching, dass Ressourcen verbraucht und Leistung mindert – besonders in sicherheitskritischen Bereichen wie der Pflege. Jeder Wechsel erfordert Neukontextualisierung, was Zeit und Energie kostet.

Was bedeutet Multitasking auf Deutsch?

Auf Deutsch heißt Multitasking „Vielaufgabentätigkeit“, „Parallelverarbeitung“ oder „Aufgabenwechseln“. Es beschreibt das scheinbar gleichzeitige Erledigen mehrerer Tätigkeiten, die das Gehirn durch schnelles Wechseln simuliert. Der Begriff stammt aus der Informatik und verdeutlicht, warum menschliches Multitasking immer mit Kosten verbunden ist.

Ist Multitasking gut fürs Gehirn?

Nein. Multitasking trainiert nicht die „Parallelverarbeitung“, sondern führt zu höherem kognitivem Aufwand, mehr Fehlern und Stress. Es schwächt langfristig Konzentration und Arbeitsgedächtnis, besonders bei komplexen Aufgaben wie in der Pflege, wo präzises Denken lebenswichtig ist. Nach intensiven Phasen kann es Stunden dauern, bis die volle Leistungsfähigkeit zurückkehrt.

Wie werde ich Multitaskingfähig?

Trainiere Priorisierung (Eisenhower-Matrix), bündle ähnliche Aufgaben, nutze Checklisten und plane Pausen ein. Vermeide Multitasking bei sicherheitskritischen Tätigkeiten und setze auf Team-Koordination, um Switch-Kosten zu senken. Regelmäßiges Achtsamkeitstraining stärkt zusätzlich deine Fokussierung und Stressresistenz.

Medizinische und rechtliche Hinweise: 

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Quellen

  • BAuA/DNB: Auswirkungen von Multitasking auf Pflegekräfte P.38, Abgerufen am 28.01.2026.d-nb​
  • AOK – „Multitasking: Ist das effektiv oder nur ein Mythos?“ Abgerufen am 28.01.2026
    https://www.aok.de/pk/magazin/article/koerper-psyche/gehirn-nerven/multitasking-ist-das-effektiv-oder-nur-ein-mythos/

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